Freitag, 4. April 2014

PeterLicht und die Spießigkeit (3)


Nochmal PeterLicht. Richtig, seine Finanzierung ist noch nicht abgeschlossen. Und ich will wenigstens einen Sprung in die neueren Alben machen. Da gibt es diese Zeilen auf dem Album Melancholie und Gesellschaft: „bitte nie mehr Sexualität zeigen, bitte nie mehr und nirgendwo, in Zusammenhang mit euren Produkten, bitte nie mehr Haut und nie mehr Po […]“
Ist das Spießermoral? Will da jemand seine eigenen Moral-Vorstellungen einer breiten Masse aufdrücken. Soll daraus am Ende eine Anti-Model-Petition werden? Empörung, Engstirnigkeit, Korrektheit.

So einfach ist das wiederum nicht. Es geht ums Marketing, ein Lieblingsthema von PeterLicht, vor allem auf Melancholie und Gesellschaft ist das zu spüren: „raus auf die Straßen, die noch blau sind; das Marketing hat noch nicht begonnen für diesen Tag.“ Bevor das Marketing beginnt, ist die Welt unschuldig. Das Marketing hat die Sexualität schuldig gemacht, ließe sich also für das erste Lied analog formulieren. Nichts gegen nackte Körper, aber sie sollen ja nur etwas verkaufen. Nicht die Waren bekommen einen sexuellen Anstrich, sondern die Sexualität ist verdorben, weil sie vom Marketing bestimmt wird.

Das ist, merke ich, da ich diese Zeilen schreibe, wohl nicht ganz neu. „Sex sells“ und wie die Werbung unsere Vorstellungen von Schönheit und Körpern etc. verändert hat: Das klingt selbst in den Ohren eines Wissenschaftlers nicht mehr originell und innovativ. Den Antrag für den Sonderforschungsbereich wird er sich sparen können. Das Vergnügliche an dem Lied ist, neben dem ‚heiteren’ Vortrag, diese einfache Formel, auf die alles gebracht wird: Nie wieder Sexualität zeigen! Und es ist ja gar keine Empörung, da wird höflich gebeten, das ist durchaus verständnisvoll, aber bitte, liebe Sockenschaffende, zeigt keine Sexualität mehr. Da fehlt offenbar alle Ernsthaftigkeit, das löst sich fast, aber nur fast, in Ironie auf. Und dann das Adorno-Späßchen: Es gibt keinen wahren Po im falschen. Kein wahres Leben im falschen; keine wahre Sexualität in der marketingförmig gemachten Welt.

(Und ich mache hier Werbung für PeterLichts Live-Album? Mache meinen Blog marketingförmig – ich sollte vielleicht noch ein paar nackte Körper zeigen –, damit ich auf das Album hinweisen kann, zwar unbezahlt und unbestellt, aber werbend, täusche vor, mir ginge es um Kunst und die Spießerfalle?)

Die Ironie geht auch direkter bei PeterLicht:

„Wer gut aussieht, ist besser als jemand, der nicht so gut aussieht,
der aber immer noch besser ist als jemand, der überhaupt nicht aussieht
und eigentlich ja schon tot ist.
Da kann man nix machen!“

Die Stoßrichtung in dieser Strophe von „Wettentspannen“ von dem Album Lieder vom Ende des Kapitalismus ist leichter zu erfassen. Schönheit ist ein hoher Wert der Gesellschaft, was in dem Lied in „besser sein“ übersetzt wird. Die Schöne ist besser als die nicht so Schöne. Das ist halt so. Hier Sarkasmus, aber wieder keine Petitionen. Heidi Klum darf bleiben.

Darin, um auf die Ausgangsfrage nach der Spießerfalle zurück zu kommen, liegt vielleicht ein Geheimnis der So-gar-nicht-Spießigkeit: Da wird nichts aufgedrückt, nicht beschwert, nicht gemeckert. Das vorerst letzte Album heißt Das Ende der Beschwerde. Und aus dem entsprechenden Lied:

„Du blickst in die Herde und wartest auf das Ende der Beschwerde
Und denkst dir, Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wärn.
Du, du, du, du, du und dein Leben
Du, du, du, du, du, Ihr beide müsst, dein Leben ändern.“

Das ist resignativ. Die Beschwerden gehen weiter, die Leute nerven; also das eigene Leben ändern, ja, würde ich vielleicht, lieber Herr Rilke, „wenn ich nur wüsste, welches Leben ich ändern müsste und welches besser nicht.“

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