Samstag, 12. April 2014

"Ihr Spießer." Eine Szene


Wieder eine kurze Beispielgeschichte, und wieder möchte ich betonen, dass weder ich in der Geschichte vorkomme, noch Menschen, die ich kenne. Meine Beispielgeschichten sind fiktiv. Wären sie das nicht, könnte man auf die Idee kommen, da rechnet jemand mit den Spießbürgern ab. An verschiedenen Stellen hatte ich betont, dass das zu einfach wäre. Wer „Spießer“ sagt – in seinem alten, hier diskutierten Sinn –, der setzt jemanden herab, der behauptet Überlegenheit. Von einer eigenen Überlegenheit weiß ich jedenfalls nichts. Welche Überlegenheit meint denn jemand, der „Spießer“ sagt? In der Romantik wohl vor allem eine ästhetische, bei Kierkegaard eher eine des psychischen Vermögens, im 20. Jahrhundert dann vielleicht vor allem eine weltanschauliche. Nun also ein Beispiel, ob es etwas klärt, sei dahingestellt.

Dario und Ludger saßen am kleinen Stauteich in der Vorstadt. Obwohl die Bank, auf der sie saßen, nur hundert Schritte von einem Parkplatz samt Café, Toilettenanlage und Altkleidersammelstelle entfernt war, kam kaum jemand vorüber. Ab und an ein Jogger, sie hörten das Schnauben hinter ihren Rücken.

Dario füllte die kleine Glaspfeife, steckte sie an und gab sie, nach einem kurzen Zug, an Ludger weiter. Der zögerte. Dario sagte: „Keine Sorge, die ist gut, echter Albuquerque-Scheiß.“ Ludger lachte. „Kann ich denn nachher bei dir duschen? Bevor ich nach Hause gehe? Meine Mutter riecht das.“
„Klar, yo!“
Ludger lachte wieder: „Verdammt, du hast einmal gezogen und sagst, klar, yo?!“
Dario: „Warum denn eigentlich? Ich dachte, deine Eltern sind nicht so spießig?“
Ludger zog jetzt an der Pfeife und sagte dann: „Sind die auch nicht. Total verständnisvoll. Der probiert sich aus, der Junge. Wir machen uns nur ein bisschen Sorgen, müssen das genau im Auge behalten. Aber total verständnisvoll. Es gibt überhaupt nichts Schlimmeres.“
Dario sah seinen Freund kurz an: „Oh doch, das gibt es. Glaube ich.“

Jemand näherte sich den beiden Freunden von hinten. „So, die Herren, die Party ist beendet.“ Ludger und Dario sahen sich um, ein Polizist stand hinter der Parkbank und blickte erwartungsvoll nach unten auf die beiden. Ludger brach der Schweiß aus, Dario sagte: „Ach, Herr Wachtmeister Dimpfelmoser, Hotzenplotz ist da hinten, bei der Großmutter.“
Der Polizist veränderte seine Haltung nicht: „Also, Pfeife her, Ausweise zeigen, einmal mitkommen zum Wagen.“
Ludger wollte schon aufstehen, Dario sagte: „Verdammt. Warum müssen die immer Spießer in Uniform stecken?“
Der Polizist beugte sich nach vorne und stütze sich nun mit beiden Händen auf der Lehne der Parkbank auf: „Nein, nein, spießig nicht.“
Ludger antwortete: „Sogar meine Eltern sind verständnisvoller.“
Der Polizist: „Aber mit spießig hat das nichts zu tun. Und mitkommen müsst ihr trotzdem!“
Dario, der lauter wurde: „Wir haben dieses Pfeifendings hier herumliegen sehen, diskutierten gerade, ob wir es in den Müll werfen oder direkt zur Polizeiwache bringen. Klingt das vernünftig?“
„Lächerlich klingt das“, sagte der Polizist, „und mitkommen jetzt.“
„Ein Spießer, echt“, sagte Dario, „in einer halben Stunde bei mir. Da kannst du duschen.“ Ludger und Dario rannten los. „Ach, verdammt!“ schimpfte der Polizist.

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