Mittwoch, 11. September 2013

Wozu dieses Blog?


Der Spießer ist doch erledigt. Uninteressant geworden, weil er gar nichts mehr trifft, ins Leere spießt. Der Bürger mit Spieß, der – so passend – zum Kampfbegriff wurde, erschreckt nun niemanden mehr. Fast zehn Jahre ist es her, dass die LBS in einem Werbespot den Spießer, der schon immer der beste Bausparer war, ganz unverblümt in der Werbung ansprach: Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden. Das hat sicher hingehauen. Der Spießer sollte raus aus seiner muffig eingerichteten Ecke, hinein ins hippe Eigenheim. Zwei Jahre später, 2006, warb die taz um den Neo-Spießer. Der Neo-Spießer und die taz – das heißt, der neue Spießer ist gar keiner. Der Mainstream ist nach links hin abgeflossen, dort wo die taz schon ist. Natürlich: Auch ironisch geht’s mit dem Spießer, die Jugendzeitschrift Spiesser spielt damit, so wie das Hirschgeweih aus Plüsch für die Wand. Das kapiert jeder. Das Plüschgeweih hängt da ironisch im Zimmer herum, das schaut man Tag für Tag ironisch an und freut sich über die eigene witzige Überlegenheit. Das ironische Eigenheim und der ironische Bausparvertrag sind dagegen nicht so einfach vorzustellen. Ganz ironisch im eigenen Zuhause kann man nun nicht täglich herumsitzen. Und ironisch lässt sich der Bausparvertrag eben nicht unterschreiben. So einfach lässt er sich dann nicht erledigen, der Spießer.

Aber warum nochmal der Spießer? Warum über den alten Spießer bloggen, wie Brentano oder Kierkegaard ihn sich dachten? Warum über den Spießer schreiben, als ob es den noch gäbe wie 1968, als er, sonnabends, nur durch einen Jägerzaun von der Gartenzwerggesellschaft getrennt, seinen Neuwagen wusch, hingebungsvoll!?
Ich nenne drei Punkte – so viel Ordnungssinn muss (nun wieder ironisch?) sein –, warum er mich interessiert:

1) Wenn Sören Kierkegaard über den Spießer schreibt, schreibt er darüber, was er alles nicht ist, nicht sein will. Die Schriftsteller, die Philosophen und Künstler, das sind die Unspießigen. Sie grenzen sich ab. Indem ich über die Geschichte des Spießers nachdenke, erfahre ich also etwas über die Philosophie oder Literatur. 

2) Der Spießer hat seine Zeichen: den Jägerzaun hatte er sicher einmal. Daran konnte man ihn erkennen. Wer sein Haus mit dem Jägerzaun umzäunte, musste ein Spießer sein. Aber um den Zaun ging es ja nie. Die Zäune waren gleichgültig. Dahinter steht eine Geisteshaltung, so behaupteten die Anderen, die Nicht-Spießer. Steckt hinter der Zeitung der kluge Kopf, so hinter dem Jägerzaun eben der eingezäunte Horizont. Der enge Horizont, der ist ärgerlich und wurde verurteilt. Aber man konnte ihn schon sehen – wie verblüffend! – wenn man sich nur dem Hause näherte.

3) Und dann gibt es Momente, da denke ich: scheiße, das ist ja spießig! Auch ohne Zaun, ohne die alten Zeichen der Spießigkeit. Und ich zuckte unwillkürlich zusammen. Warum zuckte ich? Was schreckte mich denn ab? Lässt sich denn irgendetwas über den Spießer sagen, was seine Geisteshaltung betrifft? Gibt es diese Haltung immer noch oder ist sie zu den Akten der Geschichte gewandert? Wenn ich denke, wie grässlich spießig, grenze ich mich wieder ab. Weder taz noch LBS haben mich erreicht. Ich will kein Neo-Spießer sein, bitte nicht! Und wenn der Kopf, der hinter der taz steckt, der des Neo-Spießers ist, dann mag ich das Blatt nicht lesen. Warum denn eigentlich nicht?

Ich werde hier also über den Spießer bloggen. Dort, wo er in der Literatur auftaucht und wo er mir sonst begegnet. Im besten Fall: eine Wortgeschichte in Anekdoten.

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