Sonntag, 15. September 2013

Annäherungen, Abgrenzungen


Nehmen wir ein beliebiges Anzeichen von Spießigkeit. Nehmen wir einen 80er-Jahre Klinkerbau. So ein bräunlicher Klinker, ins nikotingelbe dezent hinüberspielend. Breite Fugen, grobe Struktur. Enorme Dämmung! So Pflegeleicht! Da brauchste nie wieder was dran machen, dein ganzes Leben nicht. Der Spießer, der gerade mit seinem Bausparvertrag wedelt, ist noch zu sehen, sein Schatten hat sich eingebrannt in die Klinkerwand. Ich verabscheue diese Klinkerwand! Ich verabscheue diese Häuser der 80er! Könnte ich jemals in so einem Haus wohnen?


Ich wohne in diesem Klinkerbau der 80er Jahre. Und beim besten Willen: es ist Klinker, grobe Struktur hin oder her. Und ich setzte mich davor und nahm alle Phantasie zusammen, es blieb der spießige Klinker; mit Bruchsteinen – bedauerlich – nicht zu verwechseln. Dennoch ein freiwilliger Einzug, der gar nicht lange zurückliegt. Ob ich damit meine Problemchen habe, mit diesem spießigen Klinker? Die Frage ist für die, die hier mitlesen, wohl bereits beantwortet – denn ich schreibe ja darüber, ich muss das immer und immer selbst ansprechen, jaja, ist mir bewusst, dass so ein 80er-Klinkerbau auch ein Stückerl spießig wirken könnte, wenn er denn auffällt – aber wie sollte er nicht, wurde doch jede freie Wand von außen vollgeklinkert. Das könnte dann spießig wirken. Eine Freundin beruhigte mich: „Aber hier ja nicht so sehr. Ist ja hier keine rote Klinkerneubausiedlung am Rande Lüneburgs.“ Das überraschte mich: „Ich find's hier viel spießiger als dort im Norden, dort wo Klinker einfach Klinker ist und für nichts weiter stehen muss, dachte ich.“ So unterschiedlich die Sehweisen. Die Zeichen sind nicht eindeutig. Unterschiedliche Sehweisen.

Und selbstverständlich: unterschiedliche Zeiten. Wer mag das spießig nennen?


(Foto: Chilehaus, von Daniel Ullrich bei Wikimedia)

Das ist so selbstverständlich, dass die Zeiten die Zeichen verändern. Niemand wird auf die Idee kommen August I., Kurfürst von Sachsen, dann König von Polen, einen Spießer zu nennen. Viel wurde ihm vorgeworfen: die vielen Frauengeschichten, das viele Großtun mit seinen Frauengeschichten, Prunk- und Ruhmsucht, Verschwendung. Ganz in Gold steht er in seiner Dresdner Neustadt, aber nicht als August der Spießer. Nein, wirklich niemand käme auf diese Idee.

Eines seiner Schlösser, Schloss Moritzburg in Sachsen, eine umgebaute Wasserburg, zeigt noch immer trutzig vier wuchtige Türme dem Besucher. Die Umgebung reißt hin, die angelegten Seen samt kleinem Leuchtturm, natürlich in der Nähe des Schlosses ein kleineres Schloss, mehr Laube, für die Liebeleien – das findet sich immer! –, die prunkvolle Einrichtung aller Räume. Und hier dann endlich, ja: Hirschgeweihe. Und nicht aus Plüsch und nicht ironisch. Ein Jagdschloss eben. Auf die Zeichen ist kein Verlass.

Ich bleibe kurz bei August – wer bliebe denn nicht? – und drehe den Spieß um: Er kann kein Spießer sein: weiter Horizont, extreme Persönlichkeit. Die Geisteshaltung des Spießers: Kein Verständnis für das Andere. Nun, damit holte man vielleicht Jack the Ripper an Bord, der sich in den Anderen wohl auch nicht recht hineinversetzen mochte, aber der Spießer ist kein Psychopath, er mag's vielleicht noch werden, aber noch ist er es nicht, solang er Spießer ist. Er meidet die Extreme, wird niemals radikal.

Also: Das Wasserschloss für den Kurfürsten, das Chilehaus für den Immobilienfond und im 80er-Jahre- Klinkerbau denke ich über den Spießbürger nach.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen