Montag, 8. Juni 2015

Teresa Präauer: Johnny und Jean


Bei Wallstein erschien schon im August des letzten Jahres Teresa Präauers „Johnny und Jean“, es wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und längst überall durchrezensiert und fertigbesprochen. Der erste Satz, der Eindruck macht, weil er gleich den Ton vorgibt, lautet: „Ich stelle mir vor, wie ich als junger Bub auf dem Land lebe.“ Alles ist Vorstellung, was davon Erinnerung ist, was faktisch geschehen, was Phantasie, das bleibt Johnnys Geheimnis, der die Geschichte erzählt, wie er zur Kunst kommt.

Wie stark doch manche Medienerlebnisse die Rezeption anderer Medien prägen, habe ich bei der Lektüre des Romans gedacht. Vor fünfzehn Jahren sah ich David Finchers „Fight Club“, diesen grandiosen Film, in dem Edward Norton in eine kleine Sinnkrise hineinschlittert und deshalb eine Selbsthilfegruppe aufbaut, deren Mitglieder einander die Nasen einschlagen. Der Clou des Films, den ich nach fünfzehn Jahren wohl verraten darf: Die beiden Hauptfiguren sind nur eine. Das wird am Ende aufgelöst, der Zuschauer ahnt, vielleicht waren die psychischen Probleme doch ein wenig schwerwiegender als zunächst angenommen, ein Arztbesuch zur rechten Zeit hätte helfen können.

Diese Idee, das weiß zum Beispiel der fleißige Dostojewski-Leser, war damals nicht neu. In „Fight Club“ aber mit einer enormen Wucht durchgeführt, so fesselnd, dass auch beim zweiten und dritten Schauen der Film noch mitzureißen vermag, und nicht, wie zum Beispiel bei Shyamalans „The Sixth Sense“, wenn man die Auflösung kennt, alle Spannung verfliegt wie der unsichtbare Geist von Bruce Willis.

Seit ich „Fight Club“ gesehen habe, bin ich auf diese Art der Überraschung gefasst. Ach du, kleines Tigerchen, du jagst mir keine Angst ein. Manchmal bin ich fast enttäuscht, wenn ich feststellen muss, Odenthal-Tatort zu Ende, alles aufgelöst, Mörder gefasst und das wars, sogar Kopper soll eine echte Figur sein.

Bei der Lektüre von „Johnny und Jean“ hatte ich diesen Verdacht nach wenigen Seiten – Jean gibt es gar nicht, er ist das Alter Ego von Johnny. Lange Zeit spielt der Roman ganz in der Vorstellungswelt Johnnys: „Jetzt, stelle ich mir vor, sitzen wir im Lokal am Kai und Jean erzählt mir von seinen Geschichten. Jean hat Affären, wie es zu seinem Namen passt, oder er behauptet, welche zu haben, und ich schweige […].“ Und ich fürchtete die ganze Zeit, der Roman würde die Fiktionen zum Ende hin auflösen, mir eine Lösung präsentieren, die ich zu schlucken hätte. Aber genau das tut der Text nicht, er zeigt vieles, was offenbar Phantasie sein muss und zu dem kein faktisches Geschehen denkbar ist, aber er legt sich nicht einmal in seinen Lügen fest. Diesen Zug bewundere ich sehr an einem Roman – an dem mich sonst manches gestört hat.

Dieser Vorzug des Romans, der den beiden Hauptfiguren gerade so viel Leben schenkt, dass sie nicht auf Allgemeinplätzen totgetrampelt werden, und sie so sehr in der Schwebe hält, dass die Wirklichkeit gar kein Einwand gegen die Erzählung sein kann, ist in anderer Hinsicht eine große Schwäche. Denn als Künstlerroman, der er zu sein vorgibt und als er der verkauft wird, überzeugt er nicht. Hier wirkt er wie ein Konzept für einen Roman: Also, der eine Junge, der macht so total angesagtes Kunstperformance-Zeug und erfindet sich ständig neu, der andere Junge zeichnet einfach irgendwas, Fische zum Beispiel, immer wieder Fische. Super Gegensatz, oder? Viel mehr erfährt man über die Kunst leider nicht. Was für Fische denn? Na, Fische eben.

Es hätte nahegelegen, dass das große Kunstgeschwätz sichtbar gemacht wird in seiner Beliebigkeit, in seinen Hypes, in seinen Klischees. Aber das ist alles viel zu nett, zu unpräzise. Soll der Junge halt seine Fische malen. Und wie die aussehen, ist mir am Ende so egal wie dem Erzähler selbst. Aber ach, was soll die dröge bildende Kunst, wenn man Sätze hat wie diese: „Künstler werden, das sagen manche Menschen so leicht. Aber ab dem Tag der bestandenen Aufnahmeprüfung hört man die Stimmen der Tanten, der Mörder und der Zweifler.“

Dienstag, 19. Mai 2015

Der Moderne Spiesser


Ich stehe etwas ratlos vorm Jägerzaun. Als vor etwa zwei Jahren ein verklinkerter Anbau mit Möbeln vollgestellt wurde, die ich unfehlbar als meine erkannte, lag das Thema für mich irgendwie auf der Hand: Die neue Spießigkeit.

Nun läuft sich zum einen so ein Thema irgendwann tot, was nicht an den Spießern liegt, die durch vegane Ernährung sowieso nahezu unsterblich sind, sondern an mir, dem beim Nachdenken über Soja-Bratlinge mittlerweile so schlecht wird wie beim Essen derselben. Zum anderen habe ich von Freunden freundlicherweise ein Buch geschenkt bekommen, das meinen Blog geradezu überflüssig macht: „Der Moderne Spießer“ von Charlotte Förster und Justus Loring. Das trifft sich gut, so kann ich mit einer kurzen Besprechung dieses Buches nicht das Ende dieses Blogs verkünden, aber immerhin ein paar Veränderungen.

„Der Moderne Spiesser“ ist über weite Strecken sehr witzig, bereits die Zitate, die auf dem Cover abgedruckt sind, zeigen, in welche Richtung es geht, wie „Filme, die man echt im Original sehen muß, damit sie richtig wirken“ oder „‘Das Hinterland Mallorcas hat wirklich schöne Ecken‘ und andere entzückende Erkenntnisse“. Oder die Manufactum-Anspielung: „Es gibt sie noch, die guten Bücher.“

Ertappen ist das Prinzip des Buches: Das scheinbar Individuelle, die scheinbare Erkenntnis dieser Sätze, die so formuliert sind, als würden sie Überraschungen aussprechen, wird gerade als das Typische des Spießers gezeigt. Die Definition des modernen Spießers liefe also auf den Auf-Einem-Allgemeinplatz-Ertappten hinaus. Programmkinoschauer werden aufs Korn genommen genauso wie die Tatort-Gucker.

Das ist ein – auch selbstironisches – Spiel der Autoren, das reichlich Material böte, um daraus irgendein „Generation Y, Doof, Maybe, Golf“-Buch zu stricken. Es bleibt allerdings ein Spiel, das sich keinesfalls zu einer – auch nicht ironischen – Haltung durchringt. Die Ordnung des Spießers, die kommt nicht allzu gut weg, wie bei den „Spießerutensilien, die in keinem Haushalt fehlen dürfen“. Dort ist zum Beispiel die: „Bananenbox aus Plastik. So kommt der gesunde Snack unzerquetscht im Büro an.“

Zu viel Ordnung ist lächerlich. Der Spießer als der allzu Ordentliche. Doch am Ende nehmen wir ihn wieder herzlich in die Arme, denn wir wurden ebenfalls oft genug ertappt. Sei es auf Mallorca, sei es mit dem Kaffeebecher einer Universität in der Hand, wo wir einst ein Auslandssemester verbrachten. Zu vielfältig sind die Zeichen dieses Spießertums, als das am Ende jemand übrigbliebe, der mit dem Finger auf die anderen zeigen könnte. Das ist so gewollt – und zeigt eben die selbstkritische Haltung der Autoren, aber wenn wir alle einmal über uns gelacht haben, ist hier jedes kritische Potenzial endgültig verflogen.

Nicht unbedingt spießig, aber lustig sind die Bemerkungen oftmals schon, wie die Sätze, die den spießigen Chef kennzeichnen sollen: „… das hätte ich fast nicht besser machen können.“ Oder: „Diese E-Mail nicht vor Montagmorgen lesen.“ Oder: „Ich mag Querdenker und Visionäre in meinem Team – Leute wie uns gibt es selten.“ Etc.

Die vermeintlichen Zeichen der Spießigkeit, wie der alte Jägerzaun, der Bausparvertrag oder – etwas neospießiger – der Buddha, haben sich mit diesem Buch erledigt. Was sich in meinen letzten Posts bereits immer wieder abzeichnete, werde ich hier nun verstärkt vornehmen: Buchbesprechungen. Vor allem von Büchern der kleineren Verlage. Und hin und wieder ein paar andere Bemerkungen. Damit darf ich mich ebenfalls zu den Ertappten zählen: Ich werde jetzt einen Literaturblog machen. – Das geht locker als Zeichen einer modernen Spießigkeit nach Förster und Loring durch.

Charlotte Förster u. Justus Loring: Der Moderne Spiesser, Stuttgart: Cotta’sche Buchhandlung 2014.

Dienstag, 12. Mai 2015

Wieder das Gedenken und wider das Gedenken


Gedenken ist ein schwieriger Sport, zumal in Deutschland dem großen, vielleicht allergrößten Gedenkland. Da gibt es Denkmale fürs kurze Innehaltgedenken, Mahnmale für das Tiefstgedenken an besonderen Feiertagen und Muttermale für den Muttertag. In Deutschland gibt es besonders viel, dessen gedacht werden muss, aber das macht es nicht einfacher. Denn der Gedenksport wird nicht, wie zum Beispiel die Turnübung am Reck, mit jeder Wiederholung einfacher. Die Zunge fabriziert nicht mit jeder Gedenkübung lockerer die gedenkenden Worte, der Kranz fliegt nicht flotter und weiter auf das Soldatengrab. Im Gegenteil, das Gedenken wird eher schwieriger, je öfter es geübt wird.

Zwei Weltkriege sind jedenfalls mindestens einer, eigentlich eher zwei, zu viel. Das muss mühsam verarbeitet und immer wieder be- und gedacht werden. Vor einigen Wochen startete Oliver Hirschbiegels Film „Elser“ über den Widerständler Georg Elser, der ein Attentat auf Adolf Hitler durchführte, das – Spoiler – keinen Erfolg hatte. Im Zusammenhang mit diesem Film, den ich nicht kenne, kam hier und dort wieder Deutschlands schwierige Geschichte mit seiner Geschichtsverarbeitung zu Wort. Denn nicht genug, dass Widerständler oder Exilanten in der NS-Zeit nicht so gut gelitten waren – was aus der Logik des Regimes wenig überraschend ist –, sie wurden auch später angefeindet oder ignoriert, als längst Demokratie und Sonnenschein auf Adenauers Agenda stand.

Georg Elser wurde erst sehr langsam rehabilitiert. Wolfgang Schäuble hat das in einer Rede 2008 reflektiert:

„Wir Deutschen haben uns mit dem Widerstand schwer getan. Das mag mit einem Abwehrmechanismus zu tun haben, der aus der eigenen Schuld resultiert und einem Bedürfnis, das Geschehene zu verdrängen. Es fiel nicht leicht anzuerkennen, dass es Menschen gab, die ein klareres Urteil und den Mut hatten, sich dem Hitler-Regime zu widersetzen. Das gilt schon für Stauffenberg und seine Mitverschwörer. Das gilt aber noch viel mehr für Elser, den schwäbischen Handwerker, der viel früher ein klares Urteil fasst und einfach handelt.

Georg Elser stand lange Zeit nicht nur am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern war stummes Opfer unterschiedlicher Diffamierungen. Heute endlich erinnern wir uns mit Dank an Georg Elser.“

Soweit, so gut. Auch wenn Schäubles Worte vielleicht etwas zu freundlich daherkommen, er trifft schon ziemlich den Kern. Aber dann setzt er fort:
„Er [G. Elser] gehört zu denen, die es uns leichter machen, auf die Geschichte unseres Landes zurück und hoffnungsvoll nach vorne zu blicken.“

So endet die Rede mit diesem hoffnungsvollen Blick zurück und nach vorn. Hoffnung überall. Moment, wie bitte? Das ist atemberaubend schnell geschlossen. Von der Scham über allzu viele Menschen, die Elser zunächst diffamierten, hin zur Hoffnung, die über uns aufgeht, weil die Geschichtsschreibung irgendwann doch gegenüber den Hetzern Recht behält?! Da komme ich nicht wirklich mit. Sind wir Georg Elsers legitime Nachfahren, oder wie? Haben wir Hoffnung, weil es immer einen klugen Schwaben gibt, der den Kopf schon für alle anderen hinhalten wird?

Obwohl Schäuble es ja sagt, Deutschland sei nicht das Land, das seine Widerständler feiert, wir heißen nicht Stauffenberg oder Elser, schließt er nichts daraus. Das ist Gedenken als Anteilnahme, als Seinen-Anteil-Nehmen. Da läuft eine klare Linie von Elser zu uns, die wir heute an ihn denken und Hoffnung schöpfen. A bissle was vom Elser lässt sich doch leicht für die CDU abschneiden, die, das ist anzunehmen, wenn es sie denn damals schon gegeben hätte, mit einem Hitler spielend fertiggeworden wäre.

Vorsicht beim Gedenksport, das galt zuletzt zum Beispiel auch für die Grass-Gedenkfeiern und Beiseins-Bekundungen hier und dort, und das wusste schon Jesus von Nazareth:

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und die Gräber der Gerechten schmückt und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben.“ 

Quellen:
http://www.wolfgang-schaeuble.de/index.php?id=30&textid=1215&page=12
Bibelzitat: Mt. 23, 29-31, Lutherbibel 1984.

Montag, 13. April 2015

Leere Räume

„Wir betraten die Wohnung. Es war nicht viel zu sehen. So eine Wohnung ist nur eine bestimmte Anzahl leerer Räume. Ich kramte in meiner Tasche, holte Block und Stift heraus und schrieb das auf.
‚Was schreibst du?‘, fragte Rainer.
‚Dass Wohnungen aus Hohlräumen bestehen.‘“

Das zitierte ich schon im letzten Text über Aléa Toriks Roman. Merkwürdige Gedanken, die, wenn sie stimmten, die Wohnungssuche deutlich erleichtern würden. Eine Wohnung aus Hohlräumen? In meiner ersten Dachgeschosswohnung, die ich als Student allein bezog, stürzten die Decken so weit in den Raum, dass nur wenig Hohlraum zwischen meinem Kopf und der Dachschräge übrigblieb. Ich kaufte mir einen sehr flachen Rattanstuhl bei IKEA, den ich in die Ecke schob, um nicht bloß in der Mitte des Raumes aufrecht am Tisch sitzen zu können. Außerdem lag in diesem Hohlraum bereits ein alter Teppich, grau in meiner Erinnerung, grauer Hohlraum also. Und eine Kochnische befand sich bereits genau unter einem Dachfenster, sodass ich immerhin stehend kochen konnte: bekochbarer, grauer Hohlraum.

Nur eine Anzahl leerer Räume, die aber niemals leer sind, in Berlin sind Stuckaturen an der Decke, in Oberhausen Stockflecken. Leer sind die Räume nur im Text. Aléa kann mit leeren Räumen beginnen, weil sie sich ihre Wohnung selbst zusammenschreibt. Wer das kann, der ist selbstverständlich vollumfänglich verantwortlich für das, was er sich da erschreibt. (Nun aber Obacht: Das ist nicht ganz umstandslos auf die Realität zu übertragen, ihr enttäuschten Liebhaber Aléas. Denn keine lippen-schürzende Eva Mendes zierte die Rückseite des Buches.)

Der leere Raum wird überhaupt erst zu einem Raum, wenn die Figur im Text ihn betritt und ihn gestaltet. Das stimmt in dieser Radikalität, wie angedeutet, für die Wirklichkeit nicht, oder nur für manche Teilbereiche der Wirklichkeit. Allerdings kommt mir der Gedanke auch vertraut vor.  Der Schriftsteller Rudolf Kassner stellte seinem Buch „Zahl und Gesicht“ ein merkwürdiges Motto voran: „Paradox jeder Physiognomik, daß der Mensch nur so sei, wie er aussehe, weil er nicht so aussieht, wie er ist“.

Diesen Satz habe ich sehr oft gelesen, ganz verstehe ich ihn nicht. Kassner hat sehr viel über das Verhältnis des Inneren zum Äußeren nachgedacht, über das, was für den Spießer eben auch gilt, wenn er am Jägerzaun steht, und nicht gilt, wenn er in den Anden zeltet. Der zweite Teil des Satzes zuerst: Wir sehen nicht so aus, wie wir sind. Auch der Spießer sieht nicht so aus, wie er ist. Da ist kein Inneres, das dem Äußeren vorangeht, nach dem das Äußere gestaltet würde.  So wäre Aléa falsch verstanden und beispielsweise auch, was ja als Exempel naheliegt, die Identität im sozialen Netzwerk. Wir gestalten dort nicht, was wir vorher schon sind. Und deshalb sehen wir auch nicht so aus, wie wir sind.

Schwieriger ist der erste Teil des Satzes, dass der Mensch so sei, wie er aussehe. Und noch schwieriger die Verknüpfung der beiden Satzteile. Der Spießer ist so, wie er aussieht, was bedeutet, außerhalb der Form existiert er nicht. Aléa ist das, was sie schreibt. Und das ist sie, weil sie nicht schreibt, was sie ist.

Ach, diese elenden Paradoxien! Oder sieht dieser Satz nur so schwierig aus, wie er ist, weil er nicht so schwierig ist, wie er aussieht? In einem gut gehegten Essay sollten alle Paradoxien exorziert werden. Denken braucht Regeln, liebe Aléa und geschätzter Herr Kassner: vorne der Zaun, dahinter der Buchs und dann gemähter Rasen, alles andere wird im leeren Raum versenkt.

Montag, 23. März 2015

Aléa Torik: Aléas Ich

Im letzten Artikel schrieb ich über Günter Saalmanns wundervolles Buch „Fiedlerin auf dem Dach“.  Zum eigentlichen Thema des Buches, der Einwanderung einer Familie in Deutschland, habe ich dabei nicht viel gesagt. Ich kenne zu wenig Gegenwartsliteratur, die sich mit Einwanderungen beschäftigt, was sollte ich also dazu sagen? Plattitüden, wie: macht er toll, die Probleme nehme ich der Hauptfigur total ab. Oder: ist echt realistisch, kenne ich genauso von einer Bekannten von meiner Freundin, die übrigens witzigerweise auch Klawdia heißt etc. 

Da fiel mir ein, ich hatte vor etwa anderthalb Jahren schon ein Buch über eine Einwanderin aus dem Osten – diesmal Rumänien – gelesen. Die kommt ebenfalls nach Berlin, widmet sich zwar einer anderen Kunst, Literatur statt Musik, aber der Fall ist ähnlich gelagert: Einwandern, Liebe, Tod, Kunst, so gehen beide Romane. Ich spreche von „Aléas Ich“ von Aléa Torik. Über dieses Buch berichteten damals etliche Feuilletons sehr viel Gutes, der Blog von Aléa Torik ist außerdem ziemlich bekannt (wenngleich es dort derzeit stiller zugeht). 

Das Buch ist 2013 erschienen, und ich habe es – wie gesagt – vor mehr als einem Jahr gelesen. Ich konnte allerdings damals nicht darüber schreiben, zu sehr ärgerte ich mich, als ich es beendet hatte. Nun lässt der Ärger über ein Buch keine Rückschlüsse über die Qualität zu. Der Ärger über „Fifty Shades of Grey“ kann dem Ärger über „Das Schloß“ zum Verwechseln ähnlich sein. Aber warum ärgerte ich mich überhaupt? Das Buch ist verteufelt klug, es ist kühl erzählt, hat eine klare Prosa.

Einen Teil des Ärgers konnte ich leicht verstehen, er handelte eher von mir, denn, verdammt nochmal, ein paar von den Ideen da drin, die hätte ich morgen oder übermorgen auch gehabt. Und dann hätt ich das geschrieben. So ungefähr.

Der andere Teil des Ärgers ist aufschlussreicher, und der beruhte auf einem Missverständnis. Ich hielt das Buch für ein Buch über das Schreiben. Die ganze Autordiskussion, die das Buch losgetreten hatte, interessierte mich, offen gesagt, nicht allzu sehr. Ja, hatte ich schon mal gehört, dass man einen Autor auch fingieren kann. Und wenn man ganz dreist ist, sogar eine Autorin. Als Mann. Skandal. Skandal. Skandal. Und Tusch.

Diese Diskussion verfolgte ich also nur mit einem knappen Ohr, stellte mich blind für diese Geräusche, sozusagen. Und dann, so dachte ich, ist das, was mir bleibt, ein Roman über das Schreiben eines Romans. Nein, raffinierter, nicht eines Romans, sondern des Romans, den man gerade vor sich hat, den man gerade liest.  Das hat etwas Sophies-Welthaltiges, was gar nicht abwertend klingen soll. „Sophies Welt“ ist was Tolles und hat damals viele Menschen zur Philosophie, naja, nicht direkt zur Philosophie, aber in die Nähe, also zum Denken, oder jedenfalls kurz vors Denken, auf jeden Fall zu etwas ganz Tollem, gebracht. 

Das ärgerte mich. Ein Buch, das um sich selbst kreist, das alle Wahrheiten auflöst in der eigenen Fiktion. Jetzt, denke ich, habe ich mein Missverständnis endlich selbst verstanden. Eine Szene, noch ziemlich am Anfang des Buches, die ich schon bei der ersten Lektüre grandios fand, kam mir im letzten Jahr immer wieder ins Gedächtnis – und erst vor kurzem habe ich sie etwas besser verstanden. Aléa und Olga ziehen gerade in eine gemeinsame Wohnung, ein paar Männer helfen ihnen:

„Wir betraten die Wohnung. Es war nicht viel zu sehen. So eine Wohnung ist nur eine bestimmte Anzahl leerer Räume. Ich kramte in meiner Tasche, holte Block und Stift heraus und schrieb das auf.
‚Was schreibst du?‘, fragte Rainer.
‚Dass Wohnungen aus Hohlräumen bestehen.‘
‚Warum schreibst du das auf?‘
‚Weil ich das Gefühl habe, dass ich das noch brauche.‘
‚Wie meinst du das?‘
‚Ich kann Formulierungen nicht lange im Gedächtnis behalten. Aber ich spüre es, wenn ich sie noch benötigen könnte. Ich richte mir das Leben vielmehr so ein. Ich lebe nach literarischen Gesichtspunkten.‘
Wir gingen in die Küche. Auf dem Boden stand ein roter Eimer, den sicher ein Handwerker vergessen hatte. Es roch nach Farbe. Rainer schien die Konversation nicht wieder aufnehmen zu wollen. Als ob unser Gespräch im Auto gar nicht stattgefunden hätte. Aber es hatte stattgefunden! Ich sah ihn von der Seite an und je länger ich ihn ansah, desto besser gefiel er mir. Ich verließ die Küche und ging auf den Balkon, der zu Olgas Zimmer gehörte. Rainer ging in mein Zimmer. Wir kannten uns kaum und gingen bereits getrennte Wege.
Die Wohnung klang leer, als müsse sich jedes Geräusch erst seinen Platz suchen. Ich holte mein Heft und schrieb auch das auf.“

Der Witz ist klar: Aléa schreibt treffende Formulierungen in ihr Notizheft, die später einmal im Roman stehen könnten – und sie stehen damit im Roman. Daraus schloss ich, es ginge darum, wie die Idee in den Roman kommt, also das Schreiben über das Romanschreiben. 

Aber genau darum geht es nicht! Natürlich handelt der Roman von einer Autorin, die ihren – also diesen – Roman schreibt. Aber darum geht es nicht! Das ist nicht der Kern. Denn das würde ja bedeuten, die Szene oben sei realistisch wiedergegeben, als wäre es so oder so ähnlich zugegangen. Als wären die Worte so in den Roman gelangt. Das ist natürlich Unsinn. Der Text zeigt vielmehr, dass eine Autorin sich Worte notiert und diese Worte – schon während sie ins fiktive Notizbuch niedergeschrieben werden – im realen Roman stehen. 

Worum geht es dann? Jetzt lese ich den Roman als einen Text über Macht. Aléa erlangt durch ihr Schreiben Macht, sie beginnt, das Geschehen zu bestimmen. So ist der Satz oben zu lesen: „Aber es [das Gespräch] hatte stattgefunden!“ Mit Ausrufungszeichen, das heißt, die Autorin legt das hier fest, das Gespräch war da, es kann nicht geleugnet werden. Es ist die Macht über die eigene Geschichte, die hier verhandelt wird – und auch deshalb ist es stimmig, dass hier eine Einwanderung thematisiert wird, also eine „Geschichte“ überhaupt vorhanden ist. 

Zu diesen Überlegungen kam ich durch die Lektüre des Buches von Günter Saalmann, das Aléa Toriks Buch hierin exakt entgegensteht. Klawdia, bei Saalmann, erweist sich als die, die dem Gespinst des Erzählers nicht entkommen kann. Ihre Einwanderung wird von anderen arrangiert und geschrieben. Ihre Geschichte läuft, und das wird erst im Laufe des Textes deutlich, wie an einer Schnur gezogen, ab. Aléa dagegen will die Macht über ihre Geschichte selbst erlangen, sie schreibt sie kurzerhand selbst, mit all den Figuren, die auftreten.

Oder, um noch einmal so hoch zu greifen, wie es überhaupt möglich ist: In Kafkas „Schloß“, das auch eine Einwanderung behandelt, streiten die Figuren um die richtige Auslegung der Ereignisse, sie wollen die Macht erstreiten, indem sie die richtige Geschichte erzählen. In der „Fiedlerin“ erliegt Klawdia der Geschichte, die von ihr erzählt wird. In „Aléas Ich“ ergreift Aléa die Macht und erzählt die Geschichte kurzerhand selbst.

Spätestens im letzten Drittel des Romans wird die Macht der Protagonistin unheimlich:

„ ‚Baby, ich will nicht sterben‘, sagte Olga.
Ich hatte vollkommen vergessen, dass sie neben mir lag. Wie kam sie darauf, dass sie sterben müsse. Etwas in dieser Art hatte sie auch schon gesagt, als wir uns an der Uni kennengelernt hatten. Allerdings hatte Romi von einem Kind gesprochen, von einem Kinderwagen mit einem quietschenden Rad und wenn Olga ein Kind bekommen sollte, konnte sie jetzt nicht sterben. Das wollte ich aufschreiben. Oder hatte ich das schon aufgeschrieben? Ich musste Olga eine Antwort geben, sie lag neben mir und wartete sicher darauf. Ich muss beruhigend auf sie einwirken.
‚Du stirbst doch nicht‘, antwortete ich.
Allerdings sah sie aus wie eine Sterbende, eine wunderschöne Sterbende.
‚Du darfst mir nichts tun.‘
‚Wie kommst du denn darauf? Ich würde dir niemals etwas tun‘, sagte ich mit möglichst beruhigender Stimme.
‚Ich habe Angst vor dir‘, sagte sie.
‚Ich weiß‘, sagte ich.“

Aléa Torik: Aléas Ich: Osburg 2013.