Dienstag, 12. Mai 2015

Wieder das Gedenken und wider das Gedenken


Gedenken ist ein schwieriger Sport, zumal in Deutschland dem großen, vielleicht allergrößten Gedenkland. Da gibt es Denkmale fürs kurze Innehaltgedenken, Mahnmale für das Tiefstgedenken an besonderen Feiertagen und Muttermale für den Muttertag. In Deutschland gibt es besonders viel, dessen gedacht werden muss, aber das macht es nicht einfacher. Denn der Gedenksport wird nicht, wie zum Beispiel die Turnübung am Reck, mit jeder Wiederholung einfacher. Die Zunge fabriziert nicht mit jeder Gedenkübung lockerer die gedenkenden Worte, der Kranz fliegt nicht flotter und weiter auf das Soldatengrab. Im Gegenteil, das Gedenken wird eher schwieriger, je öfter es geübt wird.

Zwei Weltkriege sind jedenfalls mindestens einer, eigentlich eher zwei, zu viel. Das muss mühsam verarbeitet und immer wieder be- und gedacht werden. Vor einigen Wochen startete Oliver Hirschbiegels Film „Elser“ über den Widerständler Georg Elser, der ein Attentat auf Adolf Hitler durchführte, das – Spoiler – keinen Erfolg hatte. Im Zusammenhang mit diesem Film, den ich nicht kenne, kam hier und dort wieder Deutschlands schwierige Geschichte mit seiner Geschichtsverarbeitung zu Wort. Denn nicht genug, dass Widerständler oder Exilanten in der NS-Zeit nicht so gut gelitten waren – was aus der Logik des Regimes wenig überraschend ist –, sie wurden auch später angefeindet oder ignoriert, als längst Demokratie und Sonnenschein auf Adenauers Agenda stand.

Georg Elser wurde erst sehr langsam rehabilitiert. Wolfgang Schäuble hat das in einer Rede 2008 reflektiert:

„Wir Deutschen haben uns mit dem Widerstand schwer getan. Das mag mit einem Abwehrmechanismus zu tun haben, der aus der eigenen Schuld resultiert und einem Bedürfnis, das Geschehene zu verdrängen. Es fiel nicht leicht anzuerkennen, dass es Menschen gab, die ein klareres Urteil und den Mut hatten, sich dem Hitler-Regime zu widersetzen. Das gilt schon für Stauffenberg und seine Mitverschwörer. Das gilt aber noch viel mehr für Elser, den schwäbischen Handwerker, der viel früher ein klares Urteil fasst und einfach handelt.

Georg Elser stand lange Zeit nicht nur am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern war stummes Opfer unterschiedlicher Diffamierungen. Heute endlich erinnern wir uns mit Dank an Georg Elser.“

Soweit, so gut. Auch wenn Schäubles Worte vielleicht etwas zu freundlich daherkommen, er trifft schon ziemlich den Kern. Aber dann setzt er fort:
„Er [G. Elser] gehört zu denen, die es uns leichter machen, auf die Geschichte unseres Landes zurück und hoffnungsvoll nach vorne zu blicken.“

So endet die Rede mit diesem hoffnungsvollen Blick zurück und nach vorn. Hoffnung überall. Moment, wie bitte? Das ist atemberaubend schnell geschlossen. Von der Scham über allzu viele Menschen, die Elser zunächst diffamierten, hin zur Hoffnung, die über uns aufgeht, weil die Geschichtsschreibung irgendwann doch gegenüber den Hetzern Recht behält?! Da komme ich nicht wirklich mit. Sind wir Georg Elsers legitime Nachfahren, oder wie? Haben wir Hoffnung, weil es immer einen klugen Schwaben gibt, der den Kopf schon für alle anderen hinhalten wird?

Obwohl Schäuble es ja sagt, Deutschland sei nicht das Land, das seine Widerständler feiert, wir heißen nicht Stauffenberg oder Elser, schließt er nichts daraus. Das ist Gedenken als Anteilnahme, als Seinen-Anteil-Nehmen. Da läuft eine klare Linie von Elser zu uns, die wir heute an ihn denken und Hoffnung schöpfen. A bissle was vom Elser lässt sich doch leicht für die CDU abschneiden, die, das ist anzunehmen, wenn es sie denn damals schon gegeben hätte, mit einem Hitler spielend fertiggeworden wäre.

Vorsicht beim Gedenksport, das galt zuletzt zum Beispiel auch für die Grass-Gedenkfeiern und Beiseins-Bekundungen hier und dort, und das wusste schon Jesus von Nazareth:

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und die Gräber der Gerechten schmückt und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben.“ 

Quellen:
http://www.wolfgang-schaeuble.de/index.php?id=30&textid=1215&page=12
Bibelzitat: Mt. 23, 29-31, Lutherbibel 1984.

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