Montag, 13. April 2015

Leere Räume

„Wir betraten die Wohnung. Es war nicht viel zu sehen. So eine Wohnung ist nur eine bestimmte Anzahl leerer Räume. Ich kramte in meiner Tasche, holte Block und Stift heraus und schrieb das auf.
‚Was schreibst du?‘, fragte Rainer.
‚Dass Wohnungen aus Hohlräumen bestehen.‘“

Das zitierte ich schon im letzten Text über Aléa Toriks Roman. Merkwürdige Gedanken, die, wenn sie stimmten, die Wohnungssuche deutlich erleichtern würden. Eine Wohnung aus Hohlräumen? In meiner ersten Dachgeschosswohnung, die ich als Student allein bezog, stürzten die Decken so weit in den Raum, dass nur wenig Hohlraum zwischen meinem Kopf und der Dachschräge übrigblieb. Ich kaufte mir einen sehr flachen Rattanstuhl bei IKEA, den ich in die Ecke schob, um nicht bloß in der Mitte des Raumes aufrecht am Tisch sitzen zu können. Außerdem lag in diesem Hohlraum bereits ein alter Teppich, grau in meiner Erinnerung, grauer Hohlraum also. Und eine Kochnische befand sich bereits genau unter einem Dachfenster, sodass ich immerhin stehend kochen konnte: bekochbarer, grauer Hohlraum.

Nur eine Anzahl leerer Räume, die aber niemals leer sind, in Berlin sind Stuckaturen an der Decke, in Oberhausen Stockflecken. Leer sind die Räume nur im Text. Aléa kann mit leeren Räumen beginnen, weil sie sich ihre Wohnung selbst zusammenschreibt. Wer das kann, der ist selbstverständlich vollumfänglich verantwortlich für das, was er sich da erschreibt. (Nun aber Obacht: Das ist nicht ganz umstandslos auf die Realität zu übertragen, ihr enttäuschten Liebhaber Aléas. Denn keine lippen-schürzende Eva Mendes zierte die Rückseite des Buches.)

Der leere Raum wird überhaupt erst zu einem Raum, wenn die Figur im Text ihn betritt und ihn gestaltet. Das stimmt in dieser Radikalität, wie angedeutet, für die Wirklichkeit nicht, oder nur für manche Teilbereiche der Wirklichkeit. Allerdings kommt mir der Gedanke auch vertraut vor.  Der Schriftsteller Rudolf Kassner stellte seinem Buch „Zahl und Gesicht“ ein merkwürdiges Motto voran: „Paradox jeder Physiognomik, daß der Mensch nur so sei, wie er aussehe, weil er nicht so aussieht, wie er ist“.

Diesen Satz habe ich sehr oft gelesen, ganz verstehe ich ihn nicht. Kassner hat sehr viel über das Verhältnis des Inneren zum Äußeren nachgedacht, über das, was für den Spießer eben auch gilt, wenn er am Jägerzaun steht, und nicht gilt, wenn er in den Anden zeltet. Der zweite Teil des Satzes zuerst: Wir sehen nicht so aus, wie wir sind. Auch der Spießer sieht nicht so aus, wie er ist. Da ist kein Inneres, das dem Äußeren vorangeht, nach dem das Äußere gestaltet würde.  So wäre Aléa falsch verstanden und beispielsweise auch, was ja als Exempel naheliegt, die Identität im sozialen Netzwerk. Wir gestalten dort nicht, was wir vorher schon sind. Und deshalb sehen wir auch nicht so aus, wie wir sind.

Schwieriger ist der erste Teil des Satzes, dass der Mensch so sei, wie er aussehe. Und noch schwieriger die Verknüpfung der beiden Satzteile. Der Spießer ist so, wie er aussieht, was bedeutet, außerhalb der Form existiert er nicht. Aléa ist das, was sie schreibt. Und das ist sie, weil sie nicht schreibt, was sie ist.

Ach, diese elenden Paradoxien! Oder sieht dieser Satz nur so schwierig aus, wie er ist, weil er nicht so schwierig ist, wie er aussieht? In einem gut gehegten Essay sollten alle Paradoxien exorziert werden. Denken braucht Regeln, liebe Aléa und geschätzter Herr Kassner: vorne der Zaun, dahinter der Buchs und dann gemähter Rasen, alles andere wird im leeren Raum versenkt.

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