Freitag, 2. Mai 2014

Der Spießbürger als Drogenbaron


Der aufmerksame Leser und die fernsehserienaffine Leserin werden es sich gleich gedacht haben: Ich schaue derzeit die US-Fernsehserie „Breaking Bad“. Es geht um einen Chemielehrer in der Südstaaten-Provinz-Metropole Albuquerque, der an Lungenkrebs erkrankt. Da seine kleine Lehrerstelle finanziell kaum ausreicht, und er seiner Familie gern etwas Geld hinterlassen würde, denn seine Prognose ist schlecht, beginnt er, die Designer-Droge Crystal Meth herzustellen. Das ist doch mal ein guter Grund. Eine solche kriminelle Karriere ohne vermurkste Kindheit – dass das im Fernsehen möglich ist!

Nun lässt sich die Geschichte aus Sicht dieses Blogs teilweise als Ausgang aus der Spießigkeit nacherzählen. Der Lehrer, Dr. White, ist ein Spießer. Sein ehemaliger Schüler, dann Kompagnon, Jesse Pinkman, bezeichnet ihn – in der deutschen Übersetzung – auch als solchen. Mit dem Arbeitseintritt als Drogenspezialist endet diese Spießigkeit. Zwar nimmt er die Droge selbst gar nicht, aber sein Leben wird teilweise rauschhaft, ungezähmt, unberechenbar – ja, und auch verlogen, brutal, unmoralisch.

Offenbar, sobald man sich für eine Karriere als Drogenbaron entscheidet, ist es aus mit der Spießigkeit. Aber der Ausgang aus der Spießigkeit ist der Eingang in die Kriminalität. Der Umkehrschluss wäre allerdings falsch: Spießigkeit schützt vor Kriminalität nicht, nur vor manchen kriminellen Taten, wie zum Beispiel Drogenverkauf im großen Stil. Das, so zeigt die Serie, verträgt sich schlecht mit dem spießigen Lebenswandel.

So manches ist in der Serie überzeichnet. Nun, seine Frau ist schwanger, der Sohn hat eine Behinderung, dann die eigene Krebsdiagnose: Es kommt alles zusammen. Da das Geld knapp ist, wäscht Walter White zunächst nebenbei Autos, wo er den Wagen eines Schülers putzen soll, das ist dem ein Handyfoto wert. Fast wäre er allerdings Topverdiener geworden, ein ehemaliger Studienkollege hat die Forschungsergebnisse von White für eine eigene Firma übernommen. So wirkt der Fall noch tiefer, denn er hat den finanziellen Erfolg von Ferne gesehen. Dass nun auch noch sein Schwager bei der Drogenfahndung arbeitet, das ist nicht zufällig, sondern bringt White überhaupt erst auf die Idee – trotzdem: da kommt viel dramaturgischer Stoff zusammen. Das reicht dann – sogar bei hohem Tempo – für eine Serie.

In der Serie ist manches überzeichnet, dennoch sind die psychischen Vorgänge der Hauptpersonen interessant. Walter White legt seine Spießigkeit ab, als er versteht, dass er möglicherweise nicht mehr lange zu leben hat. Dass er nichts zu verlieren hat, wäre falsch. Er hat keine Wahl – das wäre ganz falsch. Plötzlich will er Entscheidungen treffen, wogegen vorher alles in festen Bahnen verlief. Nun will er entscheiden, wie er mit der Diagnose umgeht, er entscheidet sich für eine kriminelle Laufbahn usw. Er nimmt zu diesem Zeitpunkt die Risiken in Kauf. Sobald er unter diesen Druck gerät, will er etwas in die Hand nehmen, will er handeln. Auf dem Grund dieses Handelns ist wieder die kierkegaardsche Phantasie zu sehen.

Drogen sind sehr böse und Krebs tut dem Menschen wahrlich auch nichts Gutes. Und lieber bis zum Ende Spießbürger bleiben und nicht zum Serienheld werden, als einen Doktor der Chemie zu fragen, wie man eine Leiche loswird. Damit sollte allen möglichen Missverständnissen vorgebeugt sein.


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