Freitag, 14. März 2014

Nachmietersuche. Eine Beispielgeschichte


Henning stand in seinem Wohnzimmer und wartete. Er hätte sich setzen können, das dunkle Sofa, ein Dreisitzer, war noch da, der Umzug sollte in vier Wochen sein. Aber Henning wartete stehend, das war sein Protest gegen diese gesamte dämliche Aktion. Jetzt muss ich hier warten und stehe mir die Füße platt, dachte er. Aber da läutete es schon, viel zu pünktlich, er hätte also gar nicht warten brauchen. Auch das ärgerte ihn. Nun hatte ich nicht einmal Zeit mich kurz hinzusetzen, dachte er und ging zum Türöffner.

Luisa stellte sich vor, sie hatten ja telefoniert. Er koordinierte die Nachmietersuche, die Vermieter hielten sich heraus, sie wollten weder warten, noch pünktlich da sein. Sie wollten Luisa nicht durch die Wohnung führen und auch keine anderen möglichen Nachmieterinnen und Nachmieter. Luisa hatte sich vorgestellt, und Henning führte sie nun durch die kleine Dachgeschosswohnung, so sparte er am Ende einen Monat doppelte Miete, den er sich kaum leisten konnte. Sofort war er freundlich: „Schau dich in Ruhe um. Allzu groß ist es ja nicht. Deshalb ziehe ich auch aus, mit meiner Freundin in was Größeres.“
Luisa: „Für mich ist es groß. Die erste eigene Küche – die bleibt drin, oder? Ein eigenes Bad. Für die erste Studentenwohnung fast zu groß. Und das Haus ist echt schön, ich mag ja Altbau.“
Henning: „Klar, alt ist schön, wenn es nicht so alt aussieht.“
Henning zeigte das Wohnzimmer, das Bad, sprach über Nebenkosten und dass er die Hausordnung nur selten eingehalten habe.
Luisa: „Das Parkett ist toll!“
Henning: „Laminat.“
Luisa: „Toll“
Henning: „Ja.“

Sie verabschiedeten sich. Luisa wollte die Wohnung gerne haben, sie war die vierte Interessentin. Es war nicht schwierig jemanden zu finden, renovierter Altbau, die Nähe zur Uni, der Preis war in Ordnung. Henning sagte: „Alles klar, wenn du die Wohnung haben willst, schreib mir nochmal deine Telefonnummer auf. Die Vermieter melden sich dann bei dir. Die wollen dich vorher gerne kennenlernen und entscheiden dann, die wohnen ja unten im Haus.“
Luisa: „Gab es da eigentlich mal Probleme. Vermieter im Haus, da muss man ordentlich sein, oder?“
Henning: „Nein, keine Ordnungsprobleme. Die sind eher, na ja, ziemlich cool, Medienleute. Wohnen und wohnen lassen.“
Sie verabschiedeten sich noch einmal. Luisa fuhr mit dem Fahrrad davon. Henning ging nach unten zu Cornelia und Stefan, die Vermieter, die das gesamte Erdgeschoss der Gründerzeitvilla bewohnten. Bericht erstatten.

Henning: „Jetzt war Luisa eben da. Die hat auch Interesse an der Wohnung.“
Stefan: „Und wie war die?“
Henning: „Was meinst du bitte? Ich habe ihr das Schlafzimmer nur kurz gezeigt.“
Stefan: „Aber du hast doch einen Eindruck von ihr.“
Henning: „Das war heute Wohnungsbesichtigung, nicht Nachmieterinnenbesichtigung. Nett war die.“
Cornelia: „Wir wollen das nur wissen. Denn die letzten, die du angeschleppt hast, die gingen gar nicht.“
Stefan: „Gar nicht.“
Cornelia: „Dieser Ramon, oder wie der hieß, kam hier im Sakko mit dem BMW vom Papa. Das geht gar nicht.“
Stefan: „Nein, gar nicht.“
Cornelia: „Und diese Marie, die hatte gleich den ganzen Vater mitgebracht. Der wollte die Details besprechen. Ich wollte dem schon sagen, er soll kurz im Auto warten. Das hat ja keinen Zweck.“
Stefan: „Überhaupt keinen.“
Cornelia: „Und trotzdem lädt man die ja auf einen Kaffee ein, das war total verschenkt. Und von dieser Lina brauchen wir gar nicht reden. Alleinerziehende Mütter, super, muss ja nicht immer Familie sein. Aber da oben? Mit zwei kleinen Kindern. Geht gar nicht. Wie denkt die sich das? Sagte noch, dass könne sie ja entscheiden, ob das geht. Das muss man sich dann anhören. War diese Luisa in Ordnung?"
Henning sah auf die alten Holzdielen, die hier im Erdgeschoss lagen: „Ja, ich denke schon. Sie hat gedacht, der Fußboden oben sei Parkett.“
Cornelia: „Parkett? In einer Studentenwohnung verlegen wir doch kein Parkett. Noch so eine. Was denken die denn? Nein, die Wohnung möchte ich nicht, meine Studentenwohnung muss einen Kirschparkettboden haben, oder was?!“
Stefan: „Oder Eiche."
Henning: „Sie will die Wohnung ja.“
Cornelia: „Aber sie mäkelt gleich am Boden herum. Laminat ist nicht edel genug.“
Henning: „Doch, ist edel genug, ganz edel.“
Stefan: „Dann soll sie selbst Parkett verlegen da oben.“
Cornelia: „So ein Blödsinn. Weißt du, Henning, wir machen uns da die Mühe, nur damit du früher aus der Wohnung kommst. Wir haben mit den letzten beiden Kandidaten einen ganzen Samstag verplempert. Zwei Stunden war dieser Ramon da. Ich kann mir auch etwas Schöneres vorstellen an meinem Wochenende.“
Henning: „Natürlich, aber, naja, das ist doch nicht mein Problem.“
Cornelia: „Genau, es ist unser Problem, weil du den Monat Miete sparen willst – ist ja auch in Ordnung, hatten wir immer gesagt, stehen wir zu –, aber jetzt kommt wieder so eine Luisa und beschwert sich über das Laminat. Das machen wir echt nur dir zuliebe.“
Henning: „Ja, großartig. Wollt ihr denn Luisas Nummer haben. Oder soll ich sie anrufen, wer Laminat mit Parkett verwechselt, ist leider raus.“
Stefan: „War das ein Witz?“
Henning: „Nein, ein Quiz, das Fußbodenbelagquiz.“

Henning wollte zur Tür gehen, er steckte den Zettel mit der Nummer in die Hosentasche. Cornelia fasste ihn an der Schuler und sagte: „Wir wollen doch nur einen ganz normalen Studenten. Der hier hinpasst.“
Stefan: „Und nicht so was Schnöseliges. Jemand, der eben ein bisschen locker drauf ist.“
Henning: „Wie ihr!“
Stefan: „Das kann doch nicht so schwer sein.“
Henning: „Ganz locker.“

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