Samstag, 16. August 2014

Max, Moritz und der Spießbürger



Bester Laune und noch am Leben: Max und Moritz. 

Den Zeitpunkt habe ich verpasst. Die gefeierte Ausstellung über Wilhelm Busch und seine Bedeutung für die Entstehung des Comics ist längst vorüber. Die Ausstellung nahm das Jahr 1864 als Aufhänger, das Jahr in dem Wilhelm Busch „Max und Moritz“ zeichnete. Das ist 150 Jahre her, rund genug für eine Ausstellung. Den Zeitpunkt habe ich also verpasst. Hat irgendjemand behauptet, dass das Internet schnell ist? Es ist oft das allerlangsamste Medium. Wenn ein Titel gerade aus den Bestsellerlisten verschwunden ist, wird sich endlich auch irgendwo im Netz eine Kritik finden. Mit etwas Glück ist das Buch nicht vergriffen und der Verlag existiert noch.
 

Ja, und im April 1865 ist die Erstausgabe von „Max und Moritz“ erschienen, das wären also in einem Dreivierteljahr wieder runde 150 Jahre, die ich hier im Blog feiern könnte. Das dauert mir allerdings zu lange. So lange kann ich nicht warten. Wenn das im nächsten Jahr gefeiert werden sollte, bin ich längst da, hier im Internet. Denn dieses blitzschnelle Internet ist immer längst da, wenn die anderen Medien gerade erst ahnen, dass ein Thema heiß wird. Hat jemand etwas anderes behauptet? Thomas Mann hat einen neuen Roman herausgebracht, zack, weiß ich das per Twitter.

Max und Moritz also. Und nach dieser Einleitung sollte klar sein: Ich weiß selbst nicht genau, warum eigentlich. Irgendwie blieb mein Blick auf dem Buch haften und dann blieb mein Verstand bei den letzten Sätzen haften.


Perfekt dosierter Explosionsstoff: Lehrer Lämpel fliegt zwar vom Stuhl, aber es geschieht ihm nichts.

Nach all den frechen Streichen, vor allem an die erstklassige Pfeifenexplosion sei erinnert, bekommen die Jungs eine deftige Strafe. Sie werden geschrotet und von den Hühnern aufgepickt. Das ist überzogen, das kann man nicht gutheißen. Das Buch ist nur momentan einmal nicht auf dem Index, weil selbst empfindsame Pädagogen hin und wieder einsehen, dass zwischen Comic und Welt Unterschiede bestehen dürfen. Die Strafe ist ein Gag. Soweit würde keiner gehen, selbst wenn der Nachbarsmoritz Käfer unter der Bettdecke versteckt hätte. Nee, zu krass. Aber dann dieser Schluss der Geschichte:

Als man dies im Dorf erfuhr
War von Trauer keine Spur. —
— Wittwe Bolte, mild und weich,
Sprach: „Sieh da, ich dacht es gleich!“ —
— „Ja, ja, ja!“ rief Meister Böck —
„Bosheit ist kein Lebenszweck!“ —
— Drauf so sprach Herr Lehrer Lämpel:
„Dies ist wieder ein Exempel!“ —
— „Freilich!“ meint der Zuckerbäcker
„Warum ist der Mensch so lecker!“ —
— Selbst der gute Onkel Fritze
Sprach: „Das kommt von dumme Witze!“ —
— Doch der brave Bauersmann
Dachte: „Wat geiht meck dat an!“ —
— Kurz im ganzen Ort herum
Ging ein freudiges Gebrumm:
„Gott sei Dank! Nun ist's vorbei
Mit der Uebelthäterei!!“

Dieser Schluss ist ein Nackenschlag für den Spießbürger. Das comichafte Ende wird wieder in die (pointiert dargestellte) Lebenswirklichkeit geholt. Vollkommen gleichgültig wie – Hauptsache, die Ordnung ist wieder hergestellt.

Und das schon immer gewusst haben. Die Welt in die Bahnen der Wahrscheinlichkeit bringen. „Sieh da, ich dacht es gleich!“ Das ist dann das Gegenteil von Empathie: Schon wissen, genauer: schon gewusst haben, wie der Max enden wird. Und auch Moritz längst abgeschrieben haben.

Jetzt nehme ich das Büchlein viel zu ernst, das nur unterhalten will. Das etwas anderes ist als die Wirklichkeit. Und ich mache gerade den Fehler, den Lehrer Lämpel macht: Überall eine billige Moral herausziehen. So bringt der Spießbürger seine Welt in Ordnung. Die Jungs werden geschrotet, aber wir alle haben etwas gelernt. Aber was eigentlich? Lehrer Lämpel hat nur wieder ein Exempel, er hat das gelernt, was er längst wusste. Solche Streiche führen zu einem bösen Ende. Da ist seine Welt in Ordnung. – Und wieder muss ich hinzufügen: Ich habe auch nur gelernt, was ich schon wusste. Am Ende bekommen die Spießbürger vom Künstler eins drüber. Da ist dann meine Welt in Ordnung.

Donnerstag, 7. August 2014

Der muslimische Schützenkönig


Wie beruhigend. Mithat Gedik darf Schützenkönig von Werl-Sönnern bleiben. Und das als Muslim. Das lässt sich ja gleich doppelt feiern: Als Ideal-Integration des muslimischen Schützen-Bruders und vorbildliche Weltoffenheit der deutschen Schützenvereine. Für einen kurzen Moment war diese Feierlaune getrübt: Der ist gar nicht katholisch, sondern was anderes, und die Weltoffenheit der Schützenvereine musste erst im Nachgang großzügig etwas von oben herab bestätigt werden. Wir machen da eine Ausnahme. Na wunderbar. Deutschland ist Weltmeister und ein Muslim Schützenkönig in Werl – weiter aufwärts kanns für uns nicht gehen.

Ich muss gestehen: Die Kultur der Schützenvereine ist mir fremd. Diese Form der Spießigkeit liegt mir fern. Schießen, Saufen, Schulterklopfen. Oder wie es offiziell heißt: Glaube, Sitte, Heimat. Auch kein schlechter Dreiklang. Deniz Yücel ergänzt den Dreiklang ums Rumballern und betont – und da bin ich im Thema –, es werden immer neue Ansprüche formuliert. Die Integration ist dabei nicht mein Thema, sondern die Spießigkeit: Yücel sagt, da sollen die Einwanderer in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mitspielen, und dann wird gefragt, warum sie die Hymne nicht mitsingen. Immer werden neue Ansprüche formuliert. Mithat Gedik kann seine Kinder katholisch taufen lassen, an der Schule katholische Religion belegen – und darf trotzdem nicht am großen „Bezirkskönigsschießen“ teilnehmen. So nach der Logik: Du bist vorbildlich integriert, aber dass Du nur integriert ist, wollen wir dabei nicht vergessen. Die Integration soll sichtbar bleiben. Integriert bleibt Integriert.

Das ist eine Logik der Spießigkeit. Klare Grenzen, wer oder was zu mir gehört und was eben nicht. Das Fremde ist mir fremd. Nun muss ja nicht jeder überall dazugehören. Im Fußballverein wird Fußball gespielt, und Handballer gehören nun mal nicht dazu. Der eine schießt lieber im Schützenverein, der andere beim Ego-Shooter, und bei Counterstrike kann man nicht zum Schützenkönig werden. – Es bleibt trotzdem ein Unbehagen.

Oder rührt das Unbehagen ganz woanders her? Warum, um alles in der Welt, wird ausgerechnet am Schützenkönig die Integration diskutiert? Was sagt das aus? Ach so, natürlich: Wenn sogar dort, bei dieser Provinzialität, im Herz des Konservatismus, im Bett der CDU, an der Brust des Spießbürgers ein Muslim nahezu vollständig einigermaßen akzeptiert wird, dann ist das wirklich die allerechteste Integration. Echter geht eben nicht. Ja, da wird’s mir unbehaglich. Das hieße dann, hier sei das Innere, das „echte Deutschsein“, die Integrationsabsolution, die nur im Schützenverein erteilt werden kann. Gruselig. Es geht beim Fall Gedik gar nicht um diese Art der Integration, als vielmehr um die Integration ins Dörfliche, ins Provinzielle – und auch ins Spießbürgerliche. Und ja, die ist, nach dem was man so sagen kann, wohl gelungen. Wenn das gleichbedeutend sein soll mit „der“ gelungenen Integration, was immer das sein soll, dann wird es mir unbehaglich. Aber hier verlässt der Spießbürgerlichkeitsversteher das Feld für den Integrationsbeauftragten.

Er zieht sich gedanklich noch einmal zurück in seinen Strandkorb, womit er sich in die Schar der deutschen See-Urlauber gut integrierte. Aber darf jemand mit so blasser Haut überhaupt einen Strandkorb mieten? Ja, das ist gerade ein Beispiel für gelungene Integration an der deutschen See. Zwar ist er weiß wie das Innere eines Schokokusses, dennoch darf er sich am Strand unter die seegebräunten Menschen mischen. Und auch er legte Vorbehalte ab: Der Strandkorb könnte spießig sein. Nein, praktisch ist er.

Samstag, 12. Juli 2014

Schwarz, Rot, Gold im Urlaub


Als kleiner Junge habe ich mich gewundert: Wieso heißt diese Farbe „Gold“, wenn es „Gelb“ ist. Gold ist anders, ich kannte Schokoladentaler, die waren golden. Die Fahnen waren gelb, ohne Ausnahme. Wäre Hans-Ulrich Wehler mein Vater gewesen, hätte er mir sicher erläutert, dass die Fahne untenherum zwar fälschlich ziemlich gelb aussieht, so aber keinesfalls bezeichnet werden dürfte. Das Goldene als schmutziges Gelb zu verunglimpfen, das hatte Goebbels getan. Nun ist zwar überall Tiefschwarz, Verkehrsrot und Rapsgelb zu sehen, aber die Fahne heißt Schwarz-Rot-Gold. Für manchen sowieso ein zweifelhaftes Vergnügen diesen Farben nun überall zu begegnen.

Nicht auf dem Weg zu einem Fußballspiel: Germania; Quelle: Wikimedia.

Allzu viele Fahnen waren es in meiner Kindheit noch nicht, die mir im Alltag begegneten. Wo waren Fahnen? Jemand im Dorf hatte aus lauter patriotischen Urlaubsgefühlen eine schwedische Fahne aufgestellt. Deutschlandfahnen sah ich, wenn wir eine Schrebergartenkolonie besuchten, wo Verwandte einen Garten besaßen. Dort gehörte sie hin. Schrebergarten mit Zwerg, akkurat gemähter Rasen mit Fahne. Das sind zugegeben behagliche Erinnerungen an die Kleinkindheit. 

Ansonsten sah ich Deutschlandfahnen oder Fähnchen und Wimpel auf Campingplätzen, wenn ich mich recht erinnere. Camping mit Wohnwagen, das war der Urlaub für den Kleinbürger. Jedenfalls besaß es diesen Ruf: Wohnwagen auf Campingplatz dort abstellen, wo deutsch gesprochen wird, Fähnchen raus, Sichtschutz aufstellen, künstlicher Rollrasen vor den Eingang, Blumentöpfe aufhängen, Bild-Zeitung vom Kiosk holen, ein mürrisches „Moin“ oder „Tschau“ je nach dem. Klischees natürlich.

Mittlerweile vermittelt Camping – daneben – längst ein anderes Bild: Unabhängigkeit, Einfachheit, Langsamkeit, „echter“ Urlaub, „echtes“ Reisen. Urlaub ist eine merkwürdige Zeit. Ist der Urlaub ein geistiger Ausnahmezustand und deshalb etwas „ganz Anderes“? Was sonst spießig und verschroben wäre, gilt im Urlaub also nicht. Oder richtet man sich im Urlaub gerade so ein, wie man es immer täte, wenn man könnte? Da verliert der Urlaub seine Unschuld. Der Manager im Kloster wird von einer Auszeit sprechen. Aber richtet sich der Manager dort nach den Prinzipien eines geistlichen Lebens oder richtet sich das Kloster eher nach den Prinzipien des Kapitalismus, wenn der ausgebrannte Kapitalist wieder „fit gemacht“ wird?

Nun also Urlaubszeit und Fußballzeit. Ich werde Fahnen schwenken (deutsche) und Urlaub machen. Hier im Blog ist bis Anfang August eine Pause. Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern einen schönen Sommer!

Donnerstag, 3. Juli 2014

Weiterhin eingeschlossen: Ein Nachtrag zu Ernst Nowak


Ernst Nowaks kleiner Roman, den ich in der letzten Woche kurz vorgestellt habe, ist weithin unbekannt. Zwar gab es eine Taschenbuchausgabe bei dtv, aber sie lief vermutlich nicht allzu gut. Eine zweite Auflage gab es wohl nicht. Und mittlerweile sind Exemplare antiquarisch für einen Cent zu haben. Ein Sammlerstück, das steht fest, ist das Buch also nicht geworden. Bei Amazon gibt es keine einzige Kundenbewertung. Und es gibt, soweit ich gesehen habe, nicht eine einzige Dissertation zum Text.

Das hätte anders kommen können. Dem Buch fehlt nicht viel, und es hätte eine eifrige Lehrerschaft zur Schullektüre machen können – die Sexualität, die Nowak vielleicht etwas zu direkt beschreibt, könnte das verhindert haben. Oder jemand hätte auf die Idee kommen können, das Buch im Zuge der literarischen Kafka-Nachfahren ins Gespräch zu bringen. Natürlich, über die Qualität des Romans ließe sich streiten – tut aber niemand. Als einziger Kritiker weit und breit behaupte ich nun, der Roman ist gut.

Es geht um Macht: Macht und Ordnung, Macht und Sex, Macht und Freiheit, Macht und ihre Begründung. Vielleicht erging es Nowak mit diesem Thema ähnlich wie heute meinem „Spießer“. Das fiel damals, 1975, schon aus der Zeit. War ja schon eine freie Gesellschaft damals. Macht und Freiheit – längst geklärt 1968. Und heute, seit an Universitäten Gleichstellungsbeauftragte regieren, (siehe dazu der aktuelle Martenstein in der ZEIT) hat sich das mit Macht und Sexualität auch erledigt. Ja, kleine Korrekturmaßnahmen sollten hier und dort – punktuell, wie der Politiker sagt – vorgenommen werden, aber das Große und Ganze ist frei. Das bestätigt sogar der Bundespräsident. Nur hin und wieder ein militärischer Einsatz, damit das so bleibt, mit der Freiheit.

Der Roman von Ernst Nowak hat keine richtigen Charaktere, er stellt nur Typen vor. Den Aufpasser beispielsweise oder den Vorsitzenden. Es sind Hierarchien, die im Zentrum stehen. Der Ich-Erzähler, der ständig über alles und jeden nachdenkt, schreibt über die Aufpasser und Anschaffer:

„Wir sehen einen dieser Anschaffer und Aufpasser und denken sofort an seine Anmaßung. Wir sehen ihn, und es ist, als müßten wir das Gesicht verziehen wie vor einem angedrohten Hieb. Unser Verhältnis zu den Anschaffern und Aufpassern ist von Grund auf und unabänderlich schlecht, aber nicht darum, weil sie an uns Weisungen weitergeben, denen wir gehorchen, sondern weil sie eigentlich zu uns gehören.“

Die Aufpasser sind der Gruppe, zu der der Ich-Erzähler gehört, übergeordnet; Machtstrukturen. Doch sie sind zu nahe, als dass diese Macht akzeptiert werden könnte:

„Aber die Anschaffer und Aufpasser sind noch greifbar nahe. Sie sind noch unseresgleichen. Ein Anschaffer und Aufpasser bleibt einer von uns. Immer erinnert er uns daran, daß er aus unserem Kreis hinaus gewollt, uns, gleich wie, überholt und verlassen hat. […] Er ist ein Verräter. Sein Ehrgeiz ist keine Entschuldigung. Wer ein kleiner Herr werden will, um uns gegenüber zu stehen und uns anzuschaffen und auf uns aufzupassen, wird bald erkannt. Sein Wunsch ist bald zu erraten, denn bald ist er ihm vom Gesicht abzulesen. Wer sich verraten hat, der ist schon abgeschrieben. Rasch beginnen wir ihn zu hassen, ihm Widerstand entgegenzusetzen, ihn boshaft zu behindern."

Die Macht, die nicht anerkannt wird, ist hier problematisch geworden. Doch nicht die allzu große Macht wird für den Erzähler problematisch, sondern die Macht, die nicht vollkommen genug ist:

„Wir wissen ja, woher er kommt, wir kennen den Boden, aus dem er kommt (während die Herren der Unterkunftsleitung keinen sichtbaren Zusammenhang mehr mit dem Boden haben), und dieses Wissen wird für immer bleiben. Einer, den die Unterkunftsleitung als Anschaffer und Aufpasser anerkennt, ist, als Preis für seine Annäherung, so gut wie verurteilt. Er wird nur wieder freikommen, wenn er mit höchster Anstrengung und höchstem Einsatz den Abstand zu uns so rasch zu vergrößern mag, daß schließlich doch der Zusammenhang verloren geht.“

Wenn der Herrschende weit über dem Beherrschten steht, dann ist hier in der Unterkunft die Welt in Ordnung. Dort, wo die Macht sichtbar wird, das Machtspiel vor Augen tritt, dort beginnt der Hass.

Das hat sich alles ja längst erledigt mit dieser Macht. Das hatte sich schon 1975 erledigt, als Nowaks Roman erschien. Frei sind wir und nicht beherrscht. Als ginge es irgendwo um die Rechtfertigung von Macht, um die Rechtfertigung der Herrschenden. Wie anders unsere Welt, da sehe ich gerade, dass im ZDF „Deutschlands Beste“ läuft. Und Angela Merkel gewinnt, sie ist Deutschlands Beste. Das ZDF zeigt ein kleines Promotion-Video dazu, ist ja auch sympathisch die Frau, sieht man da gleich. Wir werden von der Besten regiert. Das ist vernünftig, hat mit Machtspielen deshalb gar nichts zu tun. Ausgeschlossen.

Oder Nowak lesen.

Quelle: Ernst Nowak: Die Unterkunft, Salzburg: Residenz Verlag 1975, S. 73ff.