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Montag, 9. November 2015

Deutschland, Deutschland

Fußball ist großartig, großartigst, größtartigst. Man kann überhaupt nur in supersten Superlativen über Fußball sprechen. Dass da jetzt Geld geflossen sein soll, wo es nicht fließen sollte – aber so ist das mit Flüssigkeiten eben, ob nun Geld fließt oder der Flüchtlingsstrom, die fließen nun mal –, pfff, das interessiert mich nicht. Ich lass mir mein Sommermärchen nicht verderben von irgendwelchen schwärzlichen Kassen. Ich hab meine Deutschlandfahne selbst bezahlt. Und die Quittung habe ich hier abgelegt, besondere Ausgaben.

Fußball ist die neue Politik. Lehrte man früher in Frankfurt politische Theorie, lehrt man heute Fußball-Philosophie. Man geht mit „Nietzsche ins Stadion“, lernt vor dem Spiel systemische Aspekte des Fußballs und vertieft sich in die Motivationspsychologie in der Kabine. Sollen die doch lieber Fußball spielen, statt sich in echt den Arsch vollzubomben. Auch der Bombenschuss ist harmlos. Alles harmlos. Da dürfen ja seit zehn Jahren wieder deutsche Fahnen wehen, weil hier gehört er hin, der Patriotismus, wo er nichts tun kann, wo im allerschlimmsten Fall der Fälle nach dem Länderspiel der provokant am Baguette knuspernde Franzose eine Bierflasche an den Kopf bekommt, aber dann stehen da schon Ordner, die trösten. Wer samstags ab halb vier anderthalb Stunden lang Fahnen schwenkt, Bier säuft und „Borussia, Borussia“ brüllt, ist am Montag Abend noch viel zu heiser, wenn die PEGIDA-Kundgebung stattfindet. Fußball ist großartig.

Ich durfte nun das Fußball-Museum in Dortmund besuchen. Fußball ist Kunst, ist Leben, ist Philosophie, ist Religion. Ein Museum ist absolut notwendig, um sich über den entscheidenden Teil deutscher Geschichte gesellschaftlich verständigen zu können. Und zum Glück ist Fußball so harmlos, musste ich schon zum ersten Mal denken, als ich am Spind stehend – ich verstaute gerade Kutte, Fahne und Sechserträger – die deutsche Nationalhymne hörte. 
 
So häufig habe ich überhaupt selten an einem einzigen Tag Teile der deutschen Nationalhymne vernommen, gegen die ich, das möchte ich festhalten, nichts einzuwenden habe. Es fiel mir dennoch auf. 
 
Auch gegen pathetische Musik und große Momente auf großen Leinwänden habe ich nichts einzuwenden. Die deutsche Geschichte muss wohl in dieser Größe präsentiert werden. Und ich gebe gerne zu, das ich für diese Stimmungen allzu empfänglich bin, Schweinsteigers Blut im Endspiel, als habe er für uns gelitten. 
 
Schön wäre es gewesen, wenn das Museum nach diesen Bedeutungen des Fußballs in irgendeiner Weise gefragt hätte, statt sie noch einmal zu inszenieren. Schön wäre es auch gewesen, die winzigen problematischen Punkte, eigentlich Pünktchen oder Pünktelchen, in angemessener Weise darzustellen: War da was in den späten 1930er Jahren? Natürlich, haben wir auf einer kleinen Tafel hinten an der Wand, steht alles drauf, Hitler, Nationalsozialismus, einfach alles. Oder man zeigt einfach die Trophäen, die Helden, die großen Momente in unseren vier großen Jahren, während im Hintergrund die Nationalhymne dudelt. So simpel kann Museum sein. 
 
Fast hatte ich den Eindruck, es wird in Zukunft ausreichen, die ankommenden syrischen Flüchtlinge jeweils in einen Deutschkurs und in unser Fußballmuseum zu stecken. Mehr deutsche Integration geht überhaupt nicht.

Schlecht gemacht ist das Museum wirklich nicht, das kann ich nicht sagen. Aber dass ich mir am Abend nach dem Besuch die deutsche Verdrießlichkeit zurückwünschte, das fand ich überraschend.

Dienstag, 12. Mai 2015

Wieder das Gedenken und wider das Gedenken


Gedenken ist ein schwieriger Sport, zumal in Deutschland dem großen, vielleicht allergrößten Gedenkland. Da gibt es Denkmale fürs kurze Innehaltgedenken, Mahnmale für das Tiefstgedenken an besonderen Feiertagen und Muttermale für den Muttertag. In Deutschland gibt es besonders viel, dessen gedacht werden muss, aber das macht es nicht einfacher. Denn der Gedenksport wird nicht, wie zum Beispiel die Turnübung am Reck, mit jeder Wiederholung einfacher. Die Zunge fabriziert nicht mit jeder Gedenkübung lockerer die gedenkenden Worte, der Kranz fliegt nicht flotter und weiter auf das Soldatengrab. Im Gegenteil, das Gedenken wird eher schwieriger, je öfter es geübt wird.

Zwei Weltkriege sind jedenfalls mindestens einer, eigentlich eher zwei, zu viel. Das muss mühsam verarbeitet und immer wieder be- und gedacht werden. Vor einigen Wochen startete Oliver Hirschbiegels Film „Elser“ über den Widerständler Georg Elser, der ein Attentat auf Adolf Hitler durchführte, das – Spoiler – keinen Erfolg hatte. Im Zusammenhang mit diesem Film, den ich nicht kenne, kam hier und dort wieder Deutschlands schwierige Geschichte mit seiner Geschichtsverarbeitung zu Wort. Denn nicht genug, dass Widerständler oder Exilanten in der NS-Zeit nicht so gut gelitten waren – was aus der Logik des Regimes wenig überraschend ist –, sie wurden auch später angefeindet oder ignoriert, als längst Demokratie und Sonnenschein auf Adenauers Agenda stand.

Georg Elser wurde erst sehr langsam rehabilitiert. Wolfgang Schäuble hat das in einer Rede 2008 reflektiert:

„Wir Deutschen haben uns mit dem Widerstand schwer getan. Das mag mit einem Abwehrmechanismus zu tun haben, der aus der eigenen Schuld resultiert und einem Bedürfnis, das Geschehene zu verdrängen. Es fiel nicht leicht anzuerkennen, dass es Menschen gab, die ein klareres Urteil und den Mut hatten, sich dem Hitler-Regime zu widersetzen. Das gilt schon für Stauffenberg und seine Mitverschwörer. Das gilt aber noch viel mehr für Elser, den schwäbischen Handwerker, der viel früher ein klares Urteil fasst und einfach handelt.

Georg Elser stand lange Zeit nicht nur am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern war stummes Opfer unterschiedlicher Diffamierungen. Heute endlich erinnern wir uns mit Dank an Georg Elser.“

Soweit, so gut. Auch wenn Schäubles Worte vielleicht etwas zu freundlich daherkommen, er trifft schon ziemlich den Kern. Aber dann setzt er fort:
„Er [G. Elser] gehört zu denen, die es uns leichter machen, auf die Geschichte unseres Landes zurück und hoffnungsvoll nach vorne zu blicken.“

So endet die Rede mit diesem hoffnungsvollen Blick zurück und nach vorn. Hoffnung überall. Moment, wie bitte? Das ist atemberaubend schnell geschlossen. Von der Scham über allzu viele Menschen, die Elser zunächst diffamierten, hin zur Hoffnung, die über uns aufgeht, weil die Geschichtsschreibung irgendwann doch gegenüber den Hetzern Recht behält?! Da komme ich nicht wirklich mit. Sind wir Georg Elsers legitime Nachfahren, oder wie? Haben wir Hoffnung, weil es immer einen klugen Schwaben gibt, der den Kopf schon für alle anderen hinhalten wird?

Obwohl Schäuble es ja sagt, Deutschland sei nicht das Land, das seine Widerständler feiert, wir heißen nicht Stauffenberg oder Elser, schließt er nichts daraus. Das ist Gedenken als Anteilnahme, als Seinen-Anteil-Nehmen. Da läuft eine klare Linie von Elser zu uns, die wir heute an ihn denken und Hoffnung schöpfen. A bissle was vom Elser lässt sich doch leicht für die CDU abschneiden, die, das ist anzunehmen, wenn es sie denn damals schon gegeben hätte, mit einem Hitler spielend fertiggeworden wäre.

Vorsicht beim Gedenksport, das galt zuletzt zum Beispiel auch für die Grass-Gedenkfeiern und Beiseins-Bekundungen hier und dort, und das wusste schon Jesus von Nazareth:

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und die Gräber der Gerechten schmückt und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben.“ 

Quellen:
http://www.wolfgang-schaeuble.de/index.php?id=30&textid=1215&page=12
Bibelzitat: Mt. 23, 29-31, Lutherbibel 1984.

Mittwoch, 21. Januar 2015

Kierkegaard und die Extremisten


Manchmal begehen Menschen wegen ihres Glaubens Dummheiten. Sie sprengen sich beispielsweise in die Luft. Oder sie stürmen eine Zeitschriftenredaktion. Oder sie köpfen reihenweise Ungläubige.

Ein moderat religiöser Mensch wird sich dann beeilen, Erklärungen zu finden: Karl der Große ließ nur politisch motiviert köpfen. Der Islamismus hat nichts mit dem Islam zu tun. Der Extremismus entspringt allein den Problemen unserer modernen Zivilisation. Das mag ja alles sein, und so kommt ein religiöses Weltbild wieder in Ordnung. Aber die eine oder andere Äußerung, die sich in religiöser Literatur findet, macht den Sachverhalt komplizierter. Zum Beispiel Kierkegaard.

Sören Kierkegaard hat ein Buch über eine der schaurigsten Geschichten des Alten Testaments geschrieben, das an schaurigen Geschichten nicht arm ist. „Furcht und Zittern“ handelt von der Opferung Isaaks. Eine Geschichte, die in der Literatur und Kunst immer wieder variiert wurde: Abraham soll Stammvater eines großen Volkes werden, so hat es Gott verheißen. Er wird alt und älter, seine Frau bekommt aber keinen Sohn. Irgendwann, die neunzig Jahre hat er längst überschritten, hätte er das Thema vielleicht beiseiteschieben mögen – och, jetzt will ich echt kein Kind mehr. Weißt Du, wie anstrengend das ist, Gott? –, aber da, ja da bekommt Sarah, seine Frau, einen Sohn: Isaak.

Der kleine Isaak wächst heran, prompt hat Gott eine echte Schnapsidee: Opfere mir Deinen Sohn auf dem Berg da drüben! Abraham geht tatsächlich los mit seinem Sohn und ist bereit, ihn zu opfern. Im letzten Moment greift Gott ein und sagt: „Stopp, halt. Lass mal gut sein, hier, nimm den Widder, opfere den, lass den Jungen in Frieden.“ Rettung in letzter Sekunde. Das Wunder geschieht, Gott greift in letzter Sekunde ein!

Um ihr (und mein) Weltbild schleunigst wieder in Ordnung zu bringen, haben Theologen alles Mögliche gegen diese Geschichte vorgebracht: sie soll zum Beispiel nur zeigen, dass der alttestamentliche Gott ganz echt keine Menschenopfer will – und hier setzt sich das endlich durch. Das wäre eine schöne historische Belehrung, früher waren Menschenopfer gut, seit Isaak schlecht.

Kierkegaard nimmt die Geschichte dagegen sehr ernst. Er nimmt sie als Exempel für einen Fall, der genauso den Selbstmordattentäter interessieren dürfte. Kierkegaard fragt: Gibt es eine teleologische Suspension des Ethischen? Das ist etwas kompliziert gefragt. Einfacher: Ist es denkbar, dass es unter bestimmten Umständen gerechtfertigt sein könnte, etwas Unethisches zu tun? Also durch den Mord am eigenen Sohn beweisen – ein krasseres Beispiel dürfte kaum jemandem einfallen –, dass man den Worten Gottes glaubt. 

Kierkegaard sagt: Ja, es gibt eine solche Suspension des Ethischen. „Furcht und Zittern“ ist damit, das dürfte klar sein, eine ungeheuerliche Zumutung. Ob man mit dieser Zumutung denn irgendetwas anfangen kann und was? –, das interessiert mich an dieser Stelle allerdings erstmal weniger. Ich nehme die Zumutung hin und Kierkegaard weiterhin ernst und frage mich dann: Aber ist das nicht DIE Rechtfertigung für Extremisten, für Sektierer, für terrorisierende Radikale?

Friedrich Wilhelm Graf hatte zum 200. Geburtstag Kierkegaards einen vernichtenden Artikel über ihn für die WELT verfasst. Ich hatte den schon einmal verlinkt und nur darauf hingewiesen, dass ich das für vollkommen verfehlt halte. Graf folgt im Grunde einer ähnlichen Argumentation und macht Kierkegaard zu einem Vordenker eines radikalen Fundamentalismus.

Aber lieber Herr Graf, werte Fundamentalisten, Sektierer und angehende Attentäter, der Preis, den Kierkegaard einfordert, um gegen das Ethische verstoßen zu dürfen, ist hoch. Es geschieht – und darum geht’s ja gerade – in „Furcht und Zittern“. Sogar in solcher Furcht, dass Abraham – bei Kierkegaard – nicht darüber sprechen kann. Zu Niemandem. Es gibt keine sektiererische Gemeinschaft, niemandem, der Mut zuspricht, und erst Recht keine  Gewissheit, später die Absolution oder ein paar Jungfrauen zu bekommen. Abraham ist allein.

Nochmal von der anderen Seite aufs Pferd. Was unterscheidet – ich trau mich kaum zu fragen – eigentlich die Hitler-Attentäter von den IS-Attentätern? Mit Kierkegaard gesprochen läge der Unterschied nicht allein (jajaja, natürlich auch!) in den jeweiligen Systemen, die bekämpft werden (NS vs. Ungläubige), sondern es kann auch ein Unterschied bei den jeweiligen Subjekten angenommen werden. Aus der Distanz ist der Unterschied für uns ja leicht auszumachen, Stauffenberg war ein Held, die IS-Attentäter sind böse. Aber war das, würde Kierkegaard vielleicht fragen, für die Hitler-Attentäter selbst genauso klar? Ist die Suspension des Ethischen für das Subjekt, das da gegen das Ethische verstoßen will, selbst zu rechtfertigen? Und wie ist sie keinesfalls zu rechtfertigen? Diese letzte Frage ist ja entscheidend, wenn Kierkegaards „Furcht und Zittern“ nicht zur Attentäter-Bibel werden soll.

Ganz platt geantwortet: Wer sich bei dem Verstoß gegen das Ethische auf der sicheren Seite wähnt, hat, nach Kierkegaard, eh schon zu Unrecht dagegen verstoßen. Wer den Verstoß gegen das Ethische kleinredet – bspw.: „Nur Ungläubige!“ – auch. Wer nicht zittert, angesichts seiner Anmaßung, sowieso.

Um die Kurve zum Blog-Thema zu bekommen: Kierkegaard ist nicht nett zum Spießbürger und zum Kulturchristen. Aber das heißt nicht, dass man mit seinem „Furcht und Zittern“ in der Hand begänne, auf Ungläubige einzuschlagen.

Dienstag, 9. September 2014

AfD-Chef Bernd Lucke: Nur ein Spießer?


Verschiedenen Parteien, die sich im Laufe der letzten 50 Jahre neu gründeten, wurde einmal Extremismus vorgeworfen. Den Grünen natürlich. Eine Partei, die heute ihre Wahlslogans auf Plakate der LBS drucken könnte, galt einmal als extrem. Zu links, zu alternativ: Hausbesetzer statt Häuslebauer. So ein Extremismusvorwurf ist ärgerlich, aber, naja, auch ziemlich cool. Die Partei der Grünen hat mittlerweile den Lebenslauf eines 68ers. Idealistisch in der Jugend, dann häuslich geworden, beim Daimler angefangen und jetzt schaut man auf diese Jugend zurück, schämt sich öffentlich ein bisschen, aber klopft sich innerparteilich auf die Schulter. Wir wollten mal was. Echt.

Ein Extremismusvorwurf gegen die AfD ist gar nicht cool. Denn eine konservative Partei, der man Extremismus vorwirft, kann nur rechtsradikal sein. Das ist blöd, saublöd. Von Matthias Matussek ist in der WELT gerade ein bemerkenswertes Porträt von Bernd Lucke erschienen. Matussek übertreibt gerne, er provoziert auch mal. In seinem Lucke-Porträt provoziert er bis in die Details, wenn er behauptet, Bernd Lucke sehe aus wie schlappe 34 Jahre alt. Das ist Unsinn, aber vielleicht will Matussek den Männern knapp über 30 nur den Spiegel vorhalten. So alt seht ihr aus. Bernd Lucke – das seid ihr.

Bernd Lucke: Wird ständig auf 34 Jahre geschätzt. Bild von WDKrause auf Wikimedia.

Ich messe dieser ganz und gar schlechten Einschätzung Matusseks zu viel Bedeutung bei. Aber es sind die Details die Matusseks Text so spannend machen. Er schreibt ein Porträt, das die Vorwürfe des Rechtsradikalismus präsent hält und sie beiläufig entkräftet. Ein Betrunkener, Mettbrötchen essend, ruft zu der Gruppe um Lucke und Matussek, die Wahlkampf in Thüringen betreibt, sie seien alle Nazis. Matussek, nicht Lucke, antwortet, wo denn Nazis seien, da stehe doch AfD auf den Plakaten. Also: Nur die Betrunkenen rufen „Nazis!“.

Lucke, so wird gezeigt, hat mit Rechtsradikalismus nichts am Hut, er ist bloß der letzte echte Spießbürger. Und Spießbürger, das soll in Zeiten von Merkels CDU harmlos klingen. Spießer sind etwas zu langweilig, etwas zu ernsthaft, zu genau, der ist sogar Wirtschaftswissenschaftler, dieser Lucke, da rechnet der immer ganz genau nach, der rechnet sogar noch alles in Mark um. Wirtschaftswissenschaftler sind allerdings nicht unbedingt harmlos, wie Nassim N. Taleb dargelegt hat, und Spießbürger auch nicht.

„Entartet“ habe Lucke einmal das parlamentarische System genannt. Matussek fällt über diese Äußerung Luckes her – allerdings ironisch. „Entartet. Ertappt.“ Ach, was soll es auch, sind doch bloß Worte, die rutschen raus, kannste gar nicht bremsen. Das ist wie über Eis laufen oder auf ne Bananenschale treten.

Und es stimmt. Es ist eine ungeschickte Lappalie. Gibt schlimmeres, wie zum Beispiel: Volker Kauder, ein anderer, der vielleicht auch bloß Spießbürger sein will, sagte gerade angesichts dessen, dass zahlreiche Flüchtlinge nach Europa und also auch nach Deutschland zu fliehen versuchen: „Ja, ich finde schon, dass wir weitere Flüchtlinge aufnehmen müssen, wenn sie es bis zu uns schaffen.“ Wenn sie es bis zu uns schaffen. Ein harmloser Satz, da zuckt der Spießbürger nicht einmal mit der Wimper. Solln wir se etwa noch first-class rüberfliegen, die Flüchtlinge, oder was?!

Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Matussek, aber da möchte ich mich manchmal gerne betrinken, Mettbrötchen essen und „Nazis!“ rufen. 

Das Zitat ist noch in der ZDF-Mediathek zu hören. Heute Journal, Sendung vom 7. September, etwa bei Minute 10:30.

Samstag, 12. Juli 2014

Schwarz, Rot, Gold im Urlaub


Als kleiner Junge habe ich mich gewundert: Wieso heißt diese Farbe „Gold“, wenn es „Gelb“ ist. Gold ist anders, ich kannte Schokoladentaler, die waren golden. Die Fahnen waren gelb, ohne Ausnahme. Wäre Hans-Ulrich Wehler mein Vater gewesen, hätte er mir sicher erläutert, dass die Fahne untenherum zwar fälschlich ziemlich gelb aussieht, so aber keinesfalls bezeichnet werden dürfte. Das Goldene als schmutziges Gelb zu verunglimpfen, das hatte Goebbels getan. Nun ist zwar überall Tiefschwarz, Verkehrsrot und Rapsgelb zu sehen, aber die Fahne heißt Schwarz-Rot-Gold. Für manchen sowieso ein zweifelhaftes Vergnügen diesen Farben nun überall zu begegnen.

Nicht auf dem Weg zu einem Fußballspiel: Germania; Quelle: Wikimedia.

Allzu viele Fahnen waren es in meiner Kindheit noch nicht, die mir im Alltag begegneten. Wo waren Fahnen? Jemand im Dorf hatte aus lauter patriotischen Urlaubsgefühlen eine schwedische Fahne aufgestellt. Deutschlandfahnen sah ich, wenn wir eine Schrebergartenkolonie besuchten, wo Verwandte einen Garten besaßen. Dort gehörte sie hin. Schrebergarten mit Zwerg, akkurat gemähter Rasen mit Fahne. Das sind zugegeben behagliche Erinnerungen an die Kleinkindheit. 

Ansonsten sah ich Deutschlandfahnen oder Fähnchen und Wimpel auf Campingplätzen, wenn ich mich recht erinnere. Camping mit Wohnwagen, das war der Urlaub für den Kleinbürger. Jedenfalls besaß es diesen Ruf: Wohnwagen auf Campingplatz dort abstellen, wo deutsch gesprochen wird, Fähnchen raus, Sichtschutz aufstellen, künstlicher Rollrasen vor den Eingang, Blumentöpfe aufhängen, Bild-Zeitung vom Kiosk holen, ein mürrisches „Moin“ oder „Tschau“ je nach dem. Klischees natürlich.

Mittlerweile vermittelt Camping – daneben – längst ein anderes Bild: Unabhängigkeit, Einfachheit, Langsamkeit, „echter“ Urlaub, „echtes“ Reisen. Urlaub ist eine merkwürdige Zeit. Ist der Urlaub ein geistiger Ausnahmezustand und deshalb etwas „ganz Anderes“? Was sonst spießig und verschroben wäre, gilt im Urlaub also nicht. Oder richtet man sich im Urlaub gerade so ein, wie man es immer täte, wenn man könnte? Da verliert der Urlaub seine Unschuld. Der Manager im Kloster wird von einer Auszeit sprechen. Aber richtet sich der Manager dort nach den Prinzipien eines geistlichen Lebens oder richtet sich das Kloster eher nach den Prinzipien des Kapitalismus, wenn der ausgebrannte Kapitalist wieder „fit gemacht“ wird?

Nun also Urlaubszeit und Fußballzeit. Ich werde Fahnen schwenken (deutsche) und Urlaub machen. Hier im Blog ist bis Anfang August eine Pause. Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern einen schönen Sommer!