Posts mit dem Label Ernst Nowak werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ernst Nowak werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 3. Juli 2014

Weiterhin eingeschlossen: Ein Nachtrag zu Ernst Nowak


Ernst Nowaks kleiner Roman, den ich in der letzten Woche kurz vorgestellt habe, ist weithin unbekannt. Zwar gab es eine Taschenbuchausgabe bei dtv, aber sie lief vermutlich nicht allzu gut. Eine zweite Auflage gab es wohl nicht. Und mittlerweile sind Exemplare antiquarisch für einen Cent zu haben. Ein Sammlerstück, das steht fest, ist das Buch also nicht geworden. Bei Amazon gibt es keine einzige Kundenbewertung. Und es gibt, soweit ich gesehen habe, nicht eine einzige Dissertation zum Text.

Das hätte anders kommen können. Dem Buch fehlt nicht viel, und es hätte eine eifrige Lehrerschaft zur Schullektüre machen können – die Sexualität, die Nowak vielleicht etwas zu direkt beschreibt, könnte das verhindert haben. Oder jemand hätte auf die Idee kommen können, das Buch im Zuge der literarischen Kafka-Nachfahren ins Gespräch zu bringen. Natürlich, über die Qualität des Romans ließe sich streiten – tut aber niemand. Als einziger Kritiker weit und breit behaupte ich nun, der Roman ist gut.

Es geht um Macht: Macht und Ordnung, Macht und Sex, Macht und Freiheit, Macht und ihre Begründung. Vielleicht erging es Nowak mit diesem Thema ähnlich wie heute meinem „Spießer“. Das fiel damals, 1975, schon aus der Zeit. War ja schon eine freie Gesellschaft damals. Macht und Freiheit – längst geklärt 1968. Und heute, seit an Universitäten Gleichstellungsbeauftragte regieren, (siehe dazu der aktuelle Martenstein in der ZEIT) hat sich das mit Macht und Sexualität auch erledigt. Ja, kleine Korrekturmaßnahmen sollten hier und dort – punktuell, wie der Politiker sagt – vorgenommen werden, aber das Große und Ganze ist frei. Das bestätigt sogar der Bundespräsident. Nur hin und wieder ein militärischer Einsatz, damit das so bleibt, mit der Freiheit.

Der Roman von Ernst Nowak hat keine richtigen Charaktere, er stellt nur Typen vor. Den Aufpasser beispielsweise oder den Vorsitzenden. Es sind Hierarchien, die im Zentrum stehen. Der Ich-Erzähler, der ständig über alles und jeden nachdenkt, schreibt über die Aufpasser und Anschaffer:

„Wir sehen einen dieser Anschaffer und Aufpasser und denken sofort an seine Anmaßung. Wir sehen ihn, und es ist, als müßten wir das Gesicht verziehen wie vor einem angedrohten Hieb. Unser Verhältnis zu den Anschaffern und Aufpassern ist von Grund auf und unabänderlich schlecht, aber nicht darum, weil sie an uns Weisungen weitergeben, denen wir gehorchen, sondern weil sie eigentlich zu uns gehören.“

Die Aufpasser sind der Gruppe, zu der der Ich-Erzähler gehört, übergeordnet; Machtstrukturen. Doch sie sind zu nahe, als dass diese Macht akzeptiert werden könnte:

„Aber die Anschaffer und Aufpasser sind noch greifbar nahe. Sie sind noch unseresgleichen. Ein Anschaffer und Aufpasser bleibt einer von uns. Immer erinnert er uns daran, daß er aus unserem Kreis hinaus gewollt, uns, gleich wie, überholt und verlassen hat. […] Er ist ein Verräter. Sein Ehrgeiz ist keine Entschuldigung. Wer ein kleiner Herr werden will, um uns gegenüber zu stehen und uns anzuschaffen und auf uns aufzupassen, wird bald erkannt. Sein Wunsch ist bald zu erraten, denn bald ist er ihm vom Gesicht abzulesen. Wer sich verraten hat, der ist schon abgeschrieben. Rasch beginnen wir ihn zu hassen, ihm Widerstand entgegenzusetzen, ihn boshaft zu behindern."

Die Macht, die nicht anerkannt wird, ist hier problematisch geworden. Doch nicht die allzu große Macht wird für den Erzähler problematisch, sondern die Macht, die nicht vollkommen genug ist:

„Wir wissen ja, woher er kommt, wir kennen den Boden, aus dem er kommt (während die Herren der Unterkunftsleitung keinen sichtbaren Zusammenhang mehr mit dem Boden haben), und dieses Wissen wird für immer bleiben. Einer, den die Unterkunftsleitung als Anschaffer und Aufpasser anerkennt, ist, als Preis für seine Annäherung, so gut wie verurteilt. Er wird nur wieder freikommen, wenn er mit höchster Anstrengung und höchstem Einsatz den Abstand zu uns so rasch zu vergrößern mag, daß schließlich doch der Zusammenhang verloren geht.“

Wenn der Herrschende weit über dem Beherrschten steht, dann ist hier in der Unterkunft die Welt in Ordnung. Dort, wo die Macht sichtbar wird, das Machtspiel vor Augen tritt, dort beginnt der Hass.

Das hat sich alles ja längst erledigt mit dieser Macht. Das hatte sich schon 1975 erledigt, als Nowaks Roman erschien. Frei sind wir und nicht beherrscht. Als ginge es irgendwo um die Rechtfertigung von Macht, um die Rechtfertigung der Herrschenden. Wie anders unsere Welt, da sehe ich gerade, dass im ZDF „Deutschlands Beste“ läuft. Und Angela Merkel gewinnt, sie ist Deutschlands Beste. Das ZDF zeigt ein kleines Promotion-Video dazu, ist ja auch sympathisch die Frau, sieht man da gleich. Wir werden von der Besten regiert. Das ist vernünftig, hat mit Machtspielen deshalb gar nichts zu tun. Ausgeschlossen.

Oder Nowak lesen.

Quelle: Ernst Nowak: Die Unterkunft, Salzburg: Residenz Verlag 1975, S. 73ff.

Mittwoch, 25. Juni 2014

Eingeschlossen: Ernst Nowaks Roman „Die Unterkunft“


Die Fußballweltmeisterschaft läuft. Brasilien ist dran, und mehr oder weniger brasilianisch ist auch das Motto – irgendwas mit „Rhythm“. Es ist die vorerst letzte WM, die möglicherweise ohne Bestechung ausgekommen ist, jedenfalls ohne Bestechungsskandal. Die öffentlich-rechtlichen Sender können sich also ganz dem Fußball widmen – natürlich, sie werden, wie immer, auch ihrem Bildungsauftrag gerecht, sie zeigen zwischen zwei Spielen ganz genau wie es in diesen Slums zugeht und wie nur „der Fußball“ den halbgescheiterten Drogendealern noch Hoffnung geben kann. 

Noch lieber sehe ich, wie Müller-Hohenstein die letzten Eindrücke vom Zustand der deutschen Mannschaft vermittelt. Ich will wissen, welche Muskeln gerade zumachen und wie es um sämtliche Adduktoren steht. Gerne schaue ich mir das Quartier an, wo sie nun für die Zeit der WM leben, die Deutschen. Gerne werfe ich einen Blick auf den Strand, wo Löw ein Dauerläufchen macht oder Schweinsteiger vor der Kamera den brasilianischen „Rhythm“ einübt. Ach, dieses Quartier. Die haben es ja gut, diese Deutschen da in Brasilien. Da lässt es sich aushalten, so möchte ich mal weggesperrt sein. Meinetwegen auch in Gesellschaft der deutschen Nationalmannschaft.

Der Zweck dieser Einquartierung ist klar: Alles wird dem weltmeisterlichen Ziele untergeordnet, nichts soll ablenken, bis der Pokal den deutschen Händen übergeben worden ist. Indem die Mannschaft auf dieses Quartier beschränkt ist, soll sich ein „Gemeinschaftsgefühl“ besser einstellen. Und ein Gemeinschaftsgefühl, das abends am Pool sich einstellt, das stellt sich dann auf dem Fußballplatz ein, was wiederum dazu führt, dass eine „geschlossene Mannschaftsleistung“ den „brasilianischen Einzelkönnern“ den Garaus macht. So einfach ist das!

Wenn das so einfach ist, wäre es dann nicht reizvoll, diese zeitweise Einquartierung ein wenig auszuweiten. Sagen wir mal auf unbestimmte Zeit für eine gesamte Gesellschaft? Ernst Nowak spielt in seinem – lesenswerten – Roman „Die Unterkunft“ aus den 70ern eine solche Idee durch. Es ist kein realistischer Roman, auch kein Harry-Potter-Realismus, der eine geschlossene durchdachte Welt vorstellt. Es ist eine arge Konstruktion, die Nowak da zusammenzimmert.

Der Erzähler beschreibt gleich zu Beginn des Romans die Unterkunft, die von einer hohen Mauer umschlossen ist. Es ist deshalb fast unmöglich aus der Unterkunft hinaus- oder in sie hineinzugelangen. Die Mauer ist so selbstverständlich da, dass sie eigentlich nicht mehr auffällt. Am Ende des Romans weiß der Erzähler nichts mehr von ihr zu berichten, er hat sie vergessen.
Das ist, wie angedeutet, nicht gerade wahrscheinlich. Wieso sollte er die Mauer vergessen haben, wie sollte er sie bezweifeln können? Das kann man ja nur psychologisieren, sonst versteht man das nicht, wie Oliver Kahn nach dem Biss von Suarez erklärte. Hier also: Das vollkommen Selbstverständliche entgleitet der Aufmerksamkeit.

Dabei ist der Erzähler in Nowaks Roman ein ständig beobachtender und reflektierender Mensch. Doch seine Reflexionen überschreiten niemals diese Grenze der Unterkunft, sie wollen alles innerhalb der Logik dieser Unterkunft und ihrer Unterkunftsleitung erklären. Das wirkt beklemmend, denn es ist eine Konstruktion, die an historische totalitäre Systeme erinnert. Das System ist dabei so sehr verinnerlicht, dass es ein „Außen“ nicht mehr gibt. Alle Kritik, und die formuliert der Erzähler reichlich, verbleibt innerhalb dieses Systems. Mehr noch, sie rechtfertigt letztlich das Leben innerhalb der Unterkunftsmauern.

Das ganze funktioniert dabei recht gut. Das System ist stabil, gute Voraussetzungen für die deutsche Mannschaft also. Was hat nun Ernst Nowaks Roman mit Spießbürgerlichkeit zu tun? Die Lektüre nährt einen Verdacht: Der Roman ist ein ins Totale vergrößertes System des Spießbürgers. Es fehlt die Phantasie, es siegt die Ordnung:

„Die Ordnung, hat der Verantwortliche gesagt, soll sein wie ein guter Fremder, dem ein kleiner Hund erst einmal böse kläffend entgegenspringt, vor dem der Hund erst, ohne ihm zu nahe zu kommen, hochspringt, zurückweicht, hochspringt, den der Hund aber dann bald schnuppernd umschleicht, durch Wedeln, kurzes Vorspringen, sich Ducken, kurzes Zurückspringen und freundliches Hinschnappen auf sich aufmerksam machen will und schließlich, wie selbstverständlich, begleitet.“

Quelle: Ernst Nowak: Die Unterkunft, Salzburg: Residenz Verlag 1975.