Dienstag, 22. Dezember 2015

Weihnachtswünsche


Als Kind liebte ich die Tage vor Weihnachten. Die Wünsche wurden aus Katalogen und Zeitschriften herausgeschnitten, auf einem Papier sorgfältig collagiert und dieser bei den Eltern, mit freundlicher Bitte um Weitergabe an den Weihnachtsmann, eingereicht. Stilechte Wünsche selbstverständlich: Ein Abonnement des YPS-Magazins, eine Darda-Bahn, He-Man-Figuren und ein Kettcar. Nein, Unsinn, auch damals vor allem LEGO oder irgendetwas, das leuchtet, knattert und einer Waffe ähnlich sieht.

Diese Weihnachtswünsche waren jedenfalls äußerst lehrreich. Man lernte auszuwählen, zu warten, sich zu sehnen und schließlich die Enttäuschung. Die offensichtliche Enttäuschung, das Gewünschte nicht zu bekommen, ist dabei leicht zu verstehen und zu akzeptieren. Viel schwieriger, wenn der Wunsch in Erfüllung ging und das gewünschte LEGO-Piratenschiff genauso war, wie im Katalog beschrieben, nur an die Phantasie, die wochenlang schon Kaperfahrten unternommen hatte, reichte es leider nicht heran. Die Wirklichkeit ist immer eine Enttäuschung, und der kindliche Satz – ich wünsche mir nur noch dieses eine Piratenschiff, dann wünsche ich mir nie wieder etwas – entspricht nicht vollständig der Lebenserfahrung der meisten Eltern.

Unser Leben mit Wunsch, Sehnsucht und Enttäuschung wird jedenfalls gerade gründlich optimiert. Dass Werbung die Wünsche erzeugen möchte, die wir uns dann von den beworbenen Produkten erfüllen lassen, ist zum einen so irgendwie altbekannt, zum anderen auch viel zu einseitig. Wenn ich nächtelang den LEGO-Katalog studierte, konnte ich diese Werbung kreativ nutzen und mich gleichzeitig schlauer fühlen als die Marketingabteilung, wenn ich mir stattdessen eine Eisenbahn wünschte. Nun haben die Marketingabteilungen dazugelernt, wie man zum Beispiel in dem Buch von Markus Morgenroth „Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!“ nachlesen kann. Das meiste, was er darstellt, ist bekannt, und vieles auch in der dargestellten Tiefe bekannt. Allerdings ist es in dieser Fülle ein beeindruckendes Bild der großen Datenkraken, das Morgenroth zeichnet. Nur die Fähigkeit, einmal zurückzutreten, von seiner beeindruckenden Sammlung vom Wissen über die Wissenssammler, und zu theoretisieren, besitzt Morgenroth bedauerlicherweise nicht. Denn vor allem würde  man ja gerne erfahren, was das mit dem Menschen macht, wenn er so vermessen wird.

Vor wenigen Jahren noch mussten die Wichtel der Weihnachtsmanufaktur in Himmelspfort jedenfalls in jedem Sommer ein Markt- und Meinungsforschungsinstitut beauftragen, um nicht versehentlich zu viele Holzeisenbahnen herzustellen, für die sich am Ende niemand interessiert. Heute geschieht die Marktforschung direkt, während wir uns im Netz bewegen, ganz ohne unser Einverständnis werden wir ausgewertet. Die Köchin Sarah Wiener hatte jüngst den Blick darauf gelenkt, wie großartig eine Marketingkampagne aus lange belächeltem Fleischersatz ein neuen Trend schaffen kann: Die gewöhnliche Cervelatwurst muss man ja mittlerweile im Supermarkt, versteckt hinter den Regalen mit Sojasteaks und Blaubeerblutwurstersatz, suchen.

Man kann also auch nicht einfach aus dem System heraustreten – was ebenfalls nicht die neueste Erkenntnis ist, wie mir scheint. Neu ist allerdings, dass dies nicht theoretisch für „alle“ gilt, sondern für „jeden“. Dass der Weihnachtsmann sich mit so einem absoluten, totalitären Marketing gemein macht, mag ich kaum glauben, und blättere noch einmal durch die LEGO-Kataloge meiner Kindheit, die ich aufbewahrt habe, und die in einem besseren Zustand sind als die Spielzeuge selbst.

Markus Morgenroth: "Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!" Über die wahre Macht der Datensammler, München: Droemer 2014.

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