Dienstag, 26. Januar 2016

Die Fakten, die Fakten, die Fakten


Ende Januar frage ich mich: Darf man über Köln nicht schreiben? Also wenn man schon schreibt in 2016, muss das nicht Köln sein? Oder die Flüchtlinge? Oder beides? Das Thema kühlt einfach nicht herunter, zu viele Menschen haben ein Interesse daran, dass das Thema ein Thema bleibt. Und auch darüber ließe sich schreiben, medienkritisch, da kann man immerhin sicher sein, stets auf der richtigen Seite zu stehen.

Ich allerdings enthalte mich hier und verweise, wie großartig, auf Wikipedia. Ein Ereignis, das bereits im Lexikon abgelegt ist, darf ich hier ruhen lassen. Wer etwas darüber wissen möchte, sehe eben auf Wikipedia nach. Ich zitiere gerne den ersten Absatz des entsprechenden Artikels:

„In der Silvesternacht 2015/2016 kam es in Köln im Bereich Hauptbahnhof-Kölner Dom zu zahlreichen sexuellen Übergriffen auf Frauen durch Gruppen junger Männer vornehmlich aus dem nordafrikanisch/arabischen Raum. In vielen Fällen wurden sowohl Sexual- als auch Eigentumsdelikte und Körperverletzungsdelikte verübt. Aus weiteren deutschen und europäischen Städten wurden ähnliche Vorfälle berichtet. Die Übergriffe erfuhren große nationale und internationale Beachtung.“

Steht also alles im Lexikon. Damit bin ich jeder Verantwortung enthoben, Zitat und fertig. Danke, ihr Wikis!

Ich benutze Wikipedia nahezu jeden Tag, und es ist ja keine Frage: Wikipedia ist die Hoffnung, dass das Netz überhaupt irgendetwas Gutes gebracht hat – neben einer Liste mit den zehn lustigsten Frisörsalonnamen, die wirklich sehr witzig sind, Haarlekin, also wirklich. Deshalb nichts gegen Wikipedia. Aber als ich vor kurzer Zeit ein paar Kinderbücher in die Hände bekam, bemerkte ich, wie sehr Wikipedia auch für ein Symptom der Zeit steht, das mich nachdenklich macht.

Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie zählt zu den bekanntesten Kinderbuchautoren Deutschlands. Ich kenne bei weitem nicht alles, was sie geschrieben hat, aber ihre frühen Reihen („Linnea“ oder „King-Kong“) halte ich für sehr gelungen. Ganz nebenbei bindet Boie die familiären Dramen, wie Scheidung, Krankheit, Geldnot, in ihre Texte ein. Das ist genau beobachtet und sehr sicher erzählt. Nun hatte ich ihre letzten Bestseller in den Händen, „Seeräubermoses“ und den „Ritter Trenk“. Man erkennt die Autorin kaum wieder.

Trenk ist eigentlich ein Bauernsohn, der versehentlich auf einer Burg aufgenommen wird, er soll jetzt Ritter werden. Thekla, die Tochter der Burgherren und Trenks Freundin, weiß als einzige von Trenks Herkunft. In abenteuerlichen Episoden besiegt Thekla beispielsweise mit ihrer Schleuder eine ganze Räuberbande, immer schön vor den Kopf geschossen, bis alle in Ohnmacht gefallen sind. Die Räuber, die dann langsam erwachen, wollen nun keine Räuber mehr sein. Sie haben offenbar eine einigermaßen linke Erziehung genossen, genau wie der Burgherr, der weiß, die armen Kerle sind nur aus der Not Räuber geworden. Also bekommen sie Arbeit auf der Burg: Zufällig wird ein Koch benötigt, und zufällig kocht einer der Räuber auf dem Niveau eines durchschnittlichen Fernsehkochs, also wird er eingestellt. Die anderen Räuber werden Wachen, die ebenfalls gerade dringend auf der Burg benötigt werden. Etc. Die Handlungsführung wirkt für einen mittelalterlichen Roman also an einigen Stellen unwahrscheinlich. Und noch mehr die Figuren, die im Mittelalter bereits Probleme des 21. Jahrhunderts zu bewältigen haben, keine kleine Herausforderung für ein Mädchen damals mit Fragen der Emanzipation befasst zu sein.

Ist ja nicht weiter schlimm, könnte man einwenden. Schlechte historische Romane für Erwachsene machen genau das gleiche. Und je nach Vorliebe könnte man also nach dem „Ritter Trenk“ entweder direkt zur „Wanderhure“ oder zur „Päpstin“ greifen. Irritierend ist allerdings, dass der Roman ständig etwas erläutern möchte. Immer wieder Einwürfe wie „du weißt vielleicht nicht, dass“. Und dann folgen Erläuterungen über das Leben im Mittelalter, was Leibeigenschaft bedeutet oder was man im Mittelalter zu essen pflegte.

Das Setting soll also historisch „richtig“ sein. Genau die Dinge, könnte man etwas bösartig sagen, die bei Wikipedia nachzuschlagen sind, müssen im Roman unbedingt stimmen. Und ist das nicht toll: Die kleinen Leser sind direkt in ihrer Lebenswelt „abgeholt“ und sie lernen nebenbei sogar etwas über das Mittelalter. Oder anders formuliert: Die kleinen Leser bekommen ein totales Zerrbild der Geschichte und erfahren nichts darüber, dass Kinder einmal vor anderen Problemen standen – und stehen können – als sie selbst.

Verstehen muss man nichts und niemanden, wenn man die Fakten kennt. Und dass das großartige Wikipedia nur von ein paar Kinoverrückten ins Leben gerufen wurde, um wirklich jeden sachlichen Fehler in jedem Film nachweisen zu können, ist jedenfalls Fakt. Oder nicht.

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