Sonntag, 19. Januar 2014

Kindergarten. Ein Drama


Es bleibt halbliterarisch, besser gesagt, es bleibt erdacht. Nie habe ich am Elternabend eines Kindergartens teilgenommen, nie habe ich mit irgendwelchen Eltern über Fischfond diskutiert, ich habe überhaupt noch nie über Fischfond diskutiert, Vegetarismus kenne ich bloß vom Hörensagen. Hörensagen also, das hier erneut als Beispiel dienen soll. Ein Beispiel – mehr nicht.

Die Szene spielt im Raum eines Kindergartens (eine so genannte Elterninitiative, also kein staatlicher oder kirchlicher Träger, sondern einige engagierte Eltern, die die pädagogische Richtung des Kindergartens vorgeben), alle sitzen auf den kleinen Kindergartenstühlchen im Kreis. Kinderbilder hängen an den Wänden, viele warme Farben, ein Buddha sitzt neben Maria mit dem Jesuskind, zahlreiche große Kissen liegen hinten an der Wand, wenige rechte Winkel.

Personen:
Kati                Vorsitzende im Elternvorstand des Kindergartens
Agnes            im Elternvorstand des Kindergartens
Ulrike             eine Mutter
Lorenz           ein Vater
Margarethe    eine Mutter
Weitere Mütter und Väter

Es ist der Abend, bei dem neue potenzielle Eltern den Kindergarten kennenlernen dürfen, ein Elternabend zum Kennenlernen. Kati und Agnes haben zuvor die Struktur des Kindergartens vorgestellt. Agnes hat viel über Engagement gesprochen, sie beginnt erneut vom notwendigen Engagement aller Eltern zu sprechen, es geht dann über in eine offene Gesprächsrunde.

Agnes: Wir helfen alle mit, dass es so gut wird. Nur wenn alle mithelfen, dann schaffen wir das auch. Das beginnt beim Kochen, Kochdienst alle zwei Wochen. Das macht mir solche Freude, wenn es unseren Kindern dann so schmeckt. Wenn die dann reinhauen, so sagt mein Mann immer.
Ulrike: Und dann bringe ich einen Topf mit, in dem Essen für zwanzig Kinder ist, oder wie?
Agnes: Nein, gekocht wird hier. Die Küche ist richtig gut ausgestattet, nein, das Kochen kann man hier den Vormittag über, das ist gar kein Problem, das soll ja auch frisch sein. Eine Mikrowelle benutzen wird hier nicht. Mein Justus, das habe ich letztens erst bemerkt, wusste gar nicht, was das ist. Das war so lustig, als er die bei Bekannten zum ersten Mal gesehen hat, mit so einem Drehteller. Der wusste gar nicht, was das ist. Das dreht ja, hat der gesagt, Mama, das dreht ja.
Lorenz: Nur vegetarisch nehme ich an?
Kati: Ja.
Lorenz: Und Fisch?
Kati: Vegetarisch.
Lorenz: Kein Fisch.
Kati: Ja.
Lorenz: Ich mache so gerne ein Risotto, da ist Fischfond drin.
Kati: Das ist ja auch Fisch.
Lorenz: Aber ohne Fischfond geht es nicht, dann ist der Pfiff weg.
Kati: Nein, wir haben das einmal entschieden. Es soll vegetarisch sein, wir können das natürlich wieder auf die Tagesordnung setzen, wenn dein Kind hier im Kindergarten angenommen wird, wir reden über alles, aber erstmal kein Fisch.
Margarethe: Fisch ist doch gesund.
Kati: Fisch ist Tier.
Agnes: Gekocht wird hier den Vormittag über, die Einkäufe bringt man mit, gekocht wird hier. Alle zwei Wochen. Und alle zwei Wochen auch Elterndienst. Da darf man den ganzen Tag dabei sein, da kann man selbst mitgestalten. Wir hatten so tolle Angebote im letzten Jahr, eine Mutter, die Inge, hat einen Rücken-Kurs gemacht mit den Kindern. Die Inge ist Physiotherapeutin.
Ulrike: Mein Kind hat keine Rückenprobleme.
Agnes: Die Inge macht das so super, das macht so einen Spaß. Und Ralf liest immer ein arabisches Märchen vor, auf Arabisch, das klingt so lustig, und unsere Kinder lernen was, den Klang der Sprache, sagt Ralf. Der Elterndienst ist besonders wichtig, da lernt man auch alle Kinder kennen.
Lorenz: Und Eier?
Kati: Über Eier wurde lange diskutiert. Ab und zu, haben wir beschlossen. Da gibt es eine Liste, da kann man das eintragen, damit es nicht zu oft Eier in einer Woche gibt.
Margarethe: Fisch ist viel wichtiger als Ei.
Kati: Wir haben das diskutiert.
Lorenz: Freilandeier?
Kati: Bio-Eier.
Lorenz: Ich kaufe immer bei Bröggel, direkt Hofverkauf. Die sind zwar als Freiland deklariert, aber den Hühnern geht’s da wirklich gut.
Kati: Bio-Eier.
Agnes: Und einmal die Woche wird ein Ausflug gemacht, in den Wald oder zu einem Bauernhof, jeden Mittwoch, also wenn das Wetter das zulässt. Wir haben im letzten Jahr Lama-Trekking gemacht, mit echten Lamas durch die Felder.
Ulrike: Jede Woche Lama-Trekking?
Agnes: Nein, also jede Woche ein Ausflug, aber nur wenn das Wetter das zulässt.
Lorenz: Dann könnten wir einen Ausflug zu Bröggel machen, dann könntet ihr sehen, wie gut es da den Hühnern geht.
Kati: Ausflüge nur zu Biobauernhöfen.
Agnes: Zu den Ausflügen dürfen dann alle Eltern mitkommen, das ist keine Pflicht, aber das ist so schön und dann ist es einfacher.
Margarethe: Aber die Elterndienste alle zwei Wochen sind Pflicht?
Agnes: Ja, natürlich, das geht ja nicht anders.
Margarethe: Und wenn ich da nicht kann?
Agnes: Bei Krankheit gibt’s Ersatz, das ist gar kein Problem, da muss man sich nicht quälen. Wir haben eine Telefonliste, die ist superpraktisch.
Margarethe: Und wenn ich arbeiten muss? Ich muss vormittags oft arbeiten, manchmal Nachtschicht.
Agnes: Dann kommt einfach dein Mann.
Margarethe: Das geht nicht.
Agnes: Man muss das schon wollen, ich habe auch manchmal Tage, an denen ich keine Lust habe, man muss schon das Beste für die Kinder wollen. Mein Mann sagt: Ohne unsern Fleiß gewinnen die Kinder keinen Preis.
Margarethe: Ach so?!
Agnes: Dann muss dein Mann vielleicht mal kürzer treten, das muss man schon wollen. Mein Mann lässt seine Praxis einen ganzen Vormittag geschlossen, das geht auch. Hat uns gutgetan.
Kati: Wer seine Zeit dafür nicht hergeben will, der ist hier falsch.
Lorenz: Ich könnte einen Mathekurs machen, Mathe ist wichtig, ich bin ja Mathelehrer. Ganz spielerisch würde ich das machen. Das wär doch nicht schlecht, oder?!

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