Freitag, 9. Oktober 2015

Meine Meinung zur Meinung

Niklas Luhmann meinte, der Zweck der Kommunikation ist ihre Fortsetzung. Wer das nicht glaubt und noch immer irrwitzigerweise beispielsweise den Zweck eines Arguments darin sieht, dass es überzeugt, der sehe sich im Netz um. Das Internet wurde einzig mit dem Ziel gebaut, Luhmanns Theorie der Kommunikation zu beweisen. Und es beweist.

Ich bin vielleicht gerade etwas Blogumschau-müde, das Problem fiel uns allerdings immer wieder auf und mal konnten wir etwas dagegen tun, mal gelang das nicht: Ich schrieb zum Beispiel über die Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft 2014. Also genauer, das eigentliche Ereignis: Da spielten echte Männer, kleinere Jungens und ein paar Werbefiguren Fußball und ein paar Brasilianerinnen tanzten im Hintergrund Samba, was sie offenbar immer tun. Darüber berichteten Journalisten und Reporter, die vor Ort Fußball und Samba beobachteten. Über die Berichterstattung berichteten Blogger, die sich über zu viel Samba und zu wenig Fußball ärgerten. Über diese Blogger berichtete die Blogumschau, die von Fußballer- und Tänzerinnenschweiß drei Meta und sehr viele Kilometer entfernt war.

Die Position eines Beobachters der Beobachter, die kann ja auch originell sein. Sie ist aber mittlerweile die typischste Internetsprecherposition. Der allergewöhnlichste Fall, am Beispiel des literarischen Quartetts: Autoren schreiben Bücher über die im Fernsehen diskutiert wird. Die Fernsehdiskussion wird in den Zeitungen breit besprochen. In den Blogs wird wahlweise die Fernsehsendung oder die Fernsehsendungsberichterstattung besprochen. Und die Blogartikel werden wiederum kommentiert. Und der Klassiker der Kommentare lautet dann ungefähr so: „Ranicki ist sowieso unerreichbar, von Literatur haben die in den klassischen Medien gar keine Ahnung mehr. Das ist alles nur noch Marketing. Ich habe die Sendung deshalb gar nicht erst gesehen!“

Es fällt nicht einmal mehr auf, dass die Kommentare keinen Bezug zum eigentlichen Ereignis haben, also zur Fernsehsendung (die Bücher hat selbstverständlich ohnehin niemand gelesen, der sich über die Sendung auslässt). Im Laufe der Kommentare der Kommentare der Kommentare hat sich der Gegenstand längst aufgelöst, es bleibt ein bisschen Meinung zurück, die die Kommunikationsdampfmaschine am Laufen hält.

Oder Amazon: Ein Buch, eine Rezension zum Buch, ein Kommentar zur Rezension zum Buch, eine Bewertung des Kommentars zur Rezension zum Buch. Neben Luhmann wusste Kafka natürlich auch, was da mit dem Internet auf uns zukommt. Im „Proceß“ führt er vor, wie eine Geschichte sich auflöst in ihre Kommentare. Medienkritik, so scheint es mir manchmal seitdem die Kritik an der Ukraine-Berichterstattung abgeflaut ist, Medienkritik ist das langweiligste, was man überhaupt betreiben kann. Ja, auch dieser Text fällt dann selbstverständlich darunter: redundant, langweilig, überflüssig. Wenn überall zu Kommentar und Spritzgebäck geladen wird, ist die Metahaltung keine Kunst mehr. Schweigen müsste man können.


Zu Luhmann vor allem: Niklas Luhmann: Was ist Kommunikation?, in: Soziologische Aufklärung Bd. 6: Die Soziologie und der Mensch, 3. Aufl., Wiesbaden 2008.
Und Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1984.



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