Montag, 2. Juni 2014

Auf dem Rand eines Sandkastens sitzend


In einem Sandkasten gilt die soziale Auslese nicht. Kleine Kinder wissen noch nicht, was Marken sind, da sind die falschen Spiderman-Leuchte-Schuhe auf einmal der Hingucker. Es ist ihnen gleichgültig, ob die Verben richtig konjugiert werden. Sie achten nicht darauf, welche Felgen der Kinderwagen hat.

Alles ganz falsch. Natürlich, der Sandkasten wird von den Eltern gut gewählt. Der Sandkasten in der zuverlässig gentrifizierten Gegend ist immer eine gute Wahl. Um die soziale Auslese kümmern sich also die Erziehungsberechtigten. Und sie schreiten ja auch ein, wenn ihren Schützlingen etwas zuzustoßen droht, wie jetzt gerade, da springt der Mann, kurze Jeanshose, Boss Poloshirt, auf: „Nicht unten an der Rutsche stehenbleiben, Ferdinand. Sieh mal, die großen Kinder rasen da ganz rücksichtslos hinunter. Das ist ein Höllentempo. Mach immer gleich die Rutschbahn frei und geh zwei oder drei Schritte weg.“ Ferdinand sieht seinen Vater mit großen Augen an. Der redet weiter: „Die rufen auch gar nicht, ‚Bahn frei‘, das habe ich dir ja immer gesagt. Ruf ‚Bahn frei‘ und rutsch nicht einfach los. Das ist ganz wichtig, ja? Und immer schauen, du musst immer schauen, ob die Bahn dann frei ist. Und so schnell musst du auch nicht rutschen.“ Ferdinand ist nun die Lust am Rutschen vergangen, er läuft zur Schaukel, um sich anderen Gefahren auszusetzen.

Die soziale Auslese eines öffentlichen Spielplatzes funktioniert unzureichend. Zu viele Kinder schlüpfen durch die Maschen des sozialen Netzes, die Eltern wählen einen Spielplatz außerhalb des eigenen zugewiesenen Siedlungsbereichs. „Romeo!“ höre ich eine Mutter, „Romeo!“ Sie ruft immer wieder: „Romeo, komm da runter!“ Sie sitzt, wie ich, auf dem Rand des Sandkastens, Romeo, keine zwei Jahre alt, ist auf einen kleinen Felsbrocken geklettert, es ist tatsächlich hoch für einen so unerfahrenen Kletterer. Er kommt nicht weiter nach oben, im Überhang ist er ungeübt, er will nicht umkehren, Sportlerehrgeiz. „Romeo, komm da runter!“ ruft wieder die Mutter. „Romeo komm da runter! John-Claude, hol mal Romeo da runter!“ Romeo ist schnell gerettet, Ferdinands Vater zuckt mit den Achseln.

Ich schaue mich um, sehe die weißen Brüste einer vierzigjährigen Sozialpädagogin, ein Säugling macht sich daran zu schaffen. Dann gibt es Aufregung an der Schaukel. Ferdinand steht am Rand, sein Vater hinter ihm. Ein anderer Vater, unrasierter Medientyp, schimpft mit seiner Tochter: „Jetzt komm! Andere wollen auch mal schaukeln. Du schaukelst nun eine ganze Weile. Du musst andere ranlassen. Jetzt ist der nächste dran. Du willst ja auch nicht so lange warten?“ „Doch“, antwortet die Tochter. „Nein, willst du nicht. Du freust dich auch, wenn du nicht lange warten musst, sondern ein Kind für dich Platz macht!“ „Nein!“ widerspricht die Tochter. Er redet weiter auf sie ein. Ferdinands Vater sagt zu seinem Sohn: „Geh doch zur Rutsche zurück, du kannst später schaukeln, das Mädchen will jetzt noch nicht die Schaukel freimachen.“ „Genau“, sagt das Mädchen. „Nein“, sagt der Vater des Mädchens, „du darfst schaukeln! Renata macht gleich die Schaukel frei. Sie hat lang genug geschaukelt. Ja? Renata?!“ Das Mädchen nimmt immer mehr Schwung, ihr Vater muss zurückweichen, Ferdinand beginnt zu weinen. „So, genau, nimm noch einmal Schwung, schaukel noch einmal ganz hoch, und dann kommst du herunter!“ „Mach ich gar nicht!“ ruft das Mädchen.

Ich kann nicht länger zusehen, denn nun muss ich aufspringen. Luisa, meine Tochter, hat einem anderen Kind vermeintlich Sand in die Augen geworfen. So lautet jedenfalls der Vorwurf. Ein anderes Mädchen sitzt im Sandkasten und brüllt. Vollkommen übertrieben, denke ich. Es ist nur Sand, und sicherlich nicht in die Augen. Das macht Luisa nicht. Die Mutter des Mädchens ist wütend: „Das darf ja nicht wahr sein! Einfach Sand in die Augen! Mit voller Absicht!“ „Wirklich, Luisa, stimmt das?“ Meine Tochter schweigt. Ich weiß ohnehin, dass sie absichtlich in die Augen gar keinen Sand geworfen haben kann. Absichtlich auf das andere Kind, das mag noch angehen. Aber die Augen können, sofern es überhaupt wahr ist, nur ein unglücklicher Treffer, ein Unfall gewesen sein.

Ich sage: „Was ist denn passiert? Entschuldige dich mal, Luisa! Aber was ist denn vorher passiert?“ „Vorher“, die Mutter schreit nahezu, „wieso vorher? Sand! Absichtlich in die Augen! Eine ganze Handvoll!“ Ich bemerke, jetzt selbst ein wenig ungehalten: „Eine Handvoll nun nicht gerade, wie soll man denn eine Handvoll Sand in die Augen werfen? Ein bisschen Sand allerhöchstens. Und es tut ihr ja leid, das sehen sie ja.“ Weder Kind noch Mutter beruhigen sich. Die Mutter sagt: „Das ist echt ein asoziales Verhalten! Ich würde mich schämen!“ Ich bücke mich und nehme eine Handvoll Sand. Ich werfe der Mutter den Sand ins Gesicht. Eine ganze Handvoll. Das ist sehr viel, denke ich. Ich stelle mir Luisas kleine Hände vor, die nicht die Hälfte Sand aufnehmen können. Es könnte doch wahr gewesen sein, denke ich. Die Mutter, endlich still, reibt sich den Sand aus den Augen. Auch ihre Tochter ist leise geworden. „Du bist ein schlechtes Vorbild“, sage ich zu Luisa.

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