Donnerstag, 12. Dezember 2013

Der Spießbürger: Bedeutung und Wortursprung


Wörter fallen gewöhnlich nicht vom Himmel. Sie kommen irgendwo her und gehen irgendwo hin. Selbst Wörter, die scheinbar fest angegurtet im Duden sitzen, können sich noch einmal verändern. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden sich ändern und damit die Wörter. „Familie“ bedeutet heute etwas anderes als vor 100 Jahren. Ob einem das gefällt oder nicht: Die Verhältnisse ändern sich, das Wort ändert sich. Nicht unbedingt analog, es könnte auch eine ganz andere Entwicklung nehmen, aber es verändert sich. Auch die Wissenschaft verändert Wörter, eine neue Erkenntnis und ein Wort umfasst etwas anderes. Ach, der Walfisch ist nun gar kein Fisch mehr? So schnell kann das gehen. Und wenn ein Wissenschaftler auf die Idee käme, dass Mathematik noch mehr Spaß macht, wenn Fünfecke nun auch zu den Quadraten zählen. Dann bedeutet das „Quadrat“ ab heute etwas anderes. Wort- und Bedeutungsgeschichte ist eine Geschichte des Denkens.

Auch der Spießer taucht irgendwann zum ersten Mal auf. Er nennt sich zuerst mit vollem Namen: Spießbürger. Spießer wird seine Abkürzung, sein Spitzname werden. Er ist zunächst einmal Bürger, also mit den Bürgerrechten ausgestattet und lebte im Mittelalter. Den Spieß brauchte er, um die Stadt notfalls verteidigen zu können. Ein Spieß war preiswert, er war recht effektiv. Schutz bot im besten Fall auch eine Stadtmauer. Da steht er der Spießbürger – eben, da steht er, er sitzt nicht zu Pferde. Das konnte ein berittener Adliger belächeln.

Belächelt wurde zudem die altmodische Kleidung, wenn er etwas ‚altfränkisch‘ wirkte. Die ‚Engherzigkeit‘ eignete er sich bald auch noch an, da war er schon ziemlich komplett. Das Mittelalter ist längst am Spießer vorübergegangen. Er lebt im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert. Die Stadtmauer wird eingerissen, die Stadttore abgebrochen, nutzlos geworden, außerdem wächst die Stadt zu schnell. Sein Spieß ist lange schon veraltet, damit kämpft man nicht gegen Kanonen. Unbrauchbar. Das Spottwort, „Spießer“, wird umso brauchbarer. Es gewinnt an Bedeutung als der Spießbürger seine Bedeutung als Verteidiger der Stadt vollends verloren hatte.

Von Anfang an also, so lässt sich festhalten: Ein Bürger, altmodisch, begrenzter Horizont. (vgl. auch den Philister)

Sido, auf den ich ein paar Mal angesprochen wurde, dagegen bleibt ganz unbürgerlich. Und hier sowieso unspießig, denn er schreibt einen Song gemeinsam mit Helge Schneider. Der ältere Helge Schneider kann das Image, das einen spießigen, bürgerlichen Schatten bekommt, leicht aufpolieren. Ironie in dem Lied „Arbeit“:

Sido: Helge, was geht ab?
HS: Yo Sido, was geht ab?
Sido: Alles klar?
HS: Na klar!
Sido: Bist du schon lange da?
HS: Ja ich warte auf mein Skateboard
Sido: Cool, und sonst so?
HS: Nix! Auch n Schluck von meinem Bier ?
Sido: Na gut, ok, dann bleib ich noch n Weilchen hier
HS: Du Sido, haste nicht was zu tun?
Sido: Nee Helge, ich hab doch keine Arbeit.


Quellen: Art. Spieszbürger, in: Jacob u. Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch.

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