Mittwoch, 13. November 2013

Expressionisten und Bürger (3)


Bei Jakob van Hoddis ging die Welt des Spießers unter. Untergangsphantasien, Weltende, Krieg – das sind Themen, die im Expressionismus häufig anzutreffen sind. Da gehört keine Kunst der psychoanalytischen Interpretation dazu: Die Expressionisten waren unzufrieden. Besser, die Welt geht erstmal unter. Dann lieber ein Krieg, lieber im Schützengraben sitzen als träge im verspießerten Rosengarten. Kurz nach Ausbruch des Krieges, 1914, änderten viele ihre Meinung äußerst schnell. Die Kriegsbegeisterung nahmen gerade viele Expressionisten bald zurück, Pazifismus nun stattdessen.

Während und nach dem Ersten Weltkrieg musste die Welt des Spießbürgers also in der Literatur nicht ständig in Flammen aufgehen. Doch die Unzufriedenheit blieb. Die Expressionisten kamen nicht aus dem Krieg zurück, um nun Bausparverträge abzuschließen und in Schützenvereine einzutreten. Der Mensch sollte runderneuert werden, der alte kleinkarierte Bürger gehöre abgewrackt. Dahinter steht auch der Wunsch, es müsse doch einen Menschen im Bürger geben. Oder kommt immer nur der spitze Kopf zum Vorschein, wenn der Hut hinunter geflogen ist?

Hier lässt sich eine Nebenbemerkung zu Albert Camus machen, der vor einer Woche hundert Jahre alt geworden wäre. Ihm könnte man, ähnlich wie den Expressionisten teilweise, vorwerfen, er schriebe über einen Menschen, den es gar nicht gäbe. Der Mensch ist doch immer schon verflechtet, verwoben, verknotet in der Gesellschaft. Den nackten Menschen, den ohne Hut, den gibt es nicht. Ja, genau. Den gibt es nicht. Der war auch im frühen 20. Jahrhundert nirgends zu sehen. Überall sah man nur die gesellschaftlichen Normen auf der Straße spazieren gehen. Oder man sah den Berliner Textilarbeiter, anderthalb Zimmerwohnung, dort zu fünft lebend, im Keller, feucht, ohne Licht, und man hörte ihn: ein Prosit auf die Industrialisierung! Der Blick auf die gesellschaftliche Verknotung wäre das eine (auch das gab es im Expressionismus), die Frage nach dem Menschen, der erste im Frack, der zweite in Lumpen, das andere.

Also ein Blick auf die Innerlichkeit. Die sollte doch unbedingt entscheidend sein für den Menschen und nicht solche Äußerlichkeiten, wie Stadtvilla und Zylinder. Franz Werfel, schon wieder ein Erfolgsautor, anders als van Hoddis, heute belächelt, veröffentlichte 1918 die kleine Erzählung „Blasphemie eines Irren“. Der Erzähler dieser Geschichte sagt, er sei Gott, aber der Titel legt es schon nahe, es ist nur die Blasphemie eines Irren. Oder nicht? Ist hier doch der Christus zurückgekehrt, und er kommt ins Irrenhaus, weil ihm keiner glauben mag? Werfel versucht in seiner Erzählung beide Möglichkeiten ins Spiel zu bringen. Und natürlich: Die staatstreuen Spießbürger haben den Christus eingesperrt. Was nicht sein kann, das darf nicht sein – wird also weggesperrt. Innerlichkeit, Religiosität, Musik, Kunst: Das versucht Werfel dem Spießbürger entgegenzusetzen.

Franz Werfel, perfekt inszeniert aber stellt man sich so den Autor des 'Weltfreunds' vor? Foto von Carl van Fechten, Quelle: Wikimedia.

Der Spießer wird hier bei Werfel vor allem zu einem oberflächlichen, staatstreuen und pflichtbewussten Bürger. Wenn Franz Werfel, selbst Jude, darüber 1918 schreibt, dann mag man das nicht schnell abtun, dann hört man schon das Bedrohliche – das viel mit Staatstreue zu tun haben sollte.

Quellen:Franz Werfel: Blasphemie eines Irren, in: ders.: Die schwarze Messe. Erzählungen, hg. von Knut Beck, Frankfurt a.M. 1989.

Und zum vierten Teil der Expressionismus-Serie.

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