Mittwoch, 12. November 2014

Echte Helden (2)


Spaß am Verkleiden: In Köln denkt man, das kennen alle. Verkleiden ist doch toll. Ja genau, zumindest mal für Kinder und Kölner. Und für die Real Life Super Heroes. Die Ästhetik dieser Helden ist in gewisser Weise sehr beeindruckend. Einige haben sich im so genannten „The Real Life Super Hero Project“ zusammengeschlossen und kopieren dort den Stil der, tja, unechten Super-Heroes, also der Comicvorbilder.

Bei diesem Super-Hero-Projekt spielt die Darstellung eine große Rolle. Die Poster in der Galerie sollen aussehen wie Kino-Poster. Das gelingt dem einen besser, dem anderen schlechter. Jedenfalls ist ein starker Hang zur Ästhetisierung zu erkennen. Warum, so könnte man fragen, will eigentlich jemand aussehen wie eine Comic-Figur?

Klar, die Comic-Helden strahlen in die Kindheit hinein. Wer ist stärker, Papa, Superman oder X-Man? – Ähhh, also Superman war eigentlich der allerstärkste. – Dann bin ich Superman!

Das sind Identifikationsfiguren. Psychologen nach vorne: Könnt Ihr mir erklären, warum es reizvoll ist, sich einzubilden, ein Superheld zu sein, oder Superheld zu spielen? Ach so, dafür wird gar kein Psychologe benötigt. Und für die Real Life Superheroes hat die Verkleidung ja auch einen Nutzen. Aber wieso ausgerechnet Comic-Helden? Könnte man sich nicht einfach als Angela Merkel verkleiden und den Müll aufsammeln. Oder mit Joachim-Gauck-Maske und Pfefferspray mitten hinein in eine Schlägerei? Für die Freiheit!

Dahinter steht der Wunsch, die Ästhetik einer fiktionalen Welt in die echte Welt zu transportieren. Es sind also nicht allein Rollenvorbilder, sondern ästhetische Vorbilder, die da nachgeahmt werden. Und warum auch nicht? Das Triste und Banale des Alltags soll mit dieser Stilisierung überwunden werden.

Das ist gar nicht neu. Besonders bekannt ist in Deutschland vielleicht das Schloss Lichtenstein, in Baden Württemberg, das auf Anregung eines Romans von Wilhelm Hauff wieder aufgebaut wurde. Die Burg, die dort einmal stand, war im 19. Jahrhundert längst zerstört, sie spielt aber im Roman „Lichtenstein“ eine bedeutende Rolle. Der sogenannte Historismus ist hier weniger Wiederaufbau historischer Gebäude, sondern vielmehr Nachempfindung eines Historienschmökers. Oder das berühmteste Beispiel dieser Art natürlich: Neuschwanstein. So sah doch niemals eine echte deutsche Ritterburg aus! Was hat er da gemacht? Nein, da hatte er Wagner im Kopf, als Ludwig die Pläne absegnete. 

 Aus dem Roman auf die schwäbische Alb: Schloss Lichtenstein. Bild von donald auf Wikimedia.

Und als vor ein paar Jahren der Neuseeland-Hype durch die „Herr der Ringe“-Filme ausgelöst wurde, standen die Touristen enttäuscht im Auenland – nicht einmal Reste der Hobbit-Häuschen haben die Wissenschaftler bis heute gefunden.

Im 19. Jahrhundert liegt es auf der Hand die Ritterromantik unter anderem (!) als eine Reaktion auf die Industrialisierung zu deuten: diese Städte, diese Beschleunigung, all das Neue. Dann lieber eine Ritterburg bauen wie im Märchen. Und heute die Comicmasken? Und gerade nicht Merkel oder Gauck? So einfachen Kompensationserklärungen sollte man wahrscheinlich misstrauen.

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